Wissenschaftliche Sammlungen haben viele Funktionen.......
......und leisteten z.B. nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl wertvolle Dienste im süddeutschen Raum. Doch bevor wir hierauf näher eingehen möchten wir zunächst ein paar allgemeine Funktionen aufführen.
Bei Belegen naturwissenschaftlicher Sammlungen handelt es sich in der Regel um konserviertes totes Material. Für den Laien ist es nicht ganz leicht, die Funktion dieser Kollektionen und damit ihre Bedeutung für die Wissenschaften einzuschätzen. Die ersten Sammlungen dienten mehrheitlich sicherlich der Bestimmung (Identifikation) von Arten. Gegen Ende des Mittelalters erkannten Naturwissenschaftler, daß gepresste, aufgeklebte Pflanzen zwar ihre Farben verlieren können, doch werden alle für die Identifikation notwendigen Merkmale perfekt erhalten. Sie sind damit für die Bestimmung besser geeignet als Zeichnungen oder auch Photographien, weshalb man sie heute noch genauso zur Bestimmung nutzt wie vor 500 Jahren.
Ferner wurden Sammlungen schon früh als Demonstrationsobjekte für die Lehre an Schulen und Universitäten genutzt. In dieser Hinsicht haben sie jedoch ein wenig an Bedeutung eingebüßt, da die modernen Medien (Dias, Filme, Computer...) günstigere Darstellungsmöglichkeiten bieten.
Mit dem Versuch des Schwedischen Wissenschaftlers Carl v. Linné, Tiere und Pflanzen hierarchisch in Verwandtschaftsgruppen zu ordnen, gewannen Sammlungen Mitte des 18. Jahrhunderts enorme Bedeutung. Die Unterscheidung von Taxa unterschiedlicher Rangstufe (Arten, Gattungen, Familien....) beruhte nämlich weitgehend auf morphologischen Merkmalen (Gestaltsmerkmalen). Bei Käfern sind dies z.B. die Anzahl der Fußglieder, die Typen der Mundwerkzeuge, bei Blütenpflanzen die Zahl der Staubgefäße oder die Verwachsung der Kronblätter. Diese von Linné durchgeführte Klassifikation, die zu den bedeutendsten naturwissenschaftlichen Leistungen zählt und deren Prinzipien auch heute noch weitgehend Gültigkeit haben, wäre ohne seine umfangreichen wissenschaftlichen Sammlungen nicht möglich gewesen. Der Wissenschaftszweig, der die Bestimmung, Beschreibung von Organismen und deren Einordnung in Verwandtschaftsgruppen umschließt, wird als Taxonomie und Systematik bezeichnet. Er gehört heute noch zu den wichtigsten Forschungsschwerpunkten in Naturkundemuseen. An vielen Museen, so auch in Karlsruhe, werden jedoch nicht nur rezente Arten taxonomisch untersucht, sondern auch bereits ausgestorbene. So verdanken wir die morphologische Rekonstruktion der ausgestorbenen Saurier den vergleichenden Studien an Fossilien aus wissenschaftlichen Sammlungen.
Vom 19. Jahrhundert an dienten und dienen wissenschafliche Sammlungen auch der Dokumentation der Verbreitungsareale (Chorologie), der Vielfalt und Häufigkeit von Arten (Biodiversitätsforschung) und ihrer Gefährdung (Artenschutz). Mit detaillierteren Angaben zu den einzelnen Funden konnten schließlich auch Beziehungen der Art zu ihrem belebten und unbelebten Umfeld (Ökologie) anhand von Sammlungen hergestellt werden.
Während Sammlungen in den 1960er und 1970er Jahren nicht mehr den Stellenwert vergangener Zeiten hatten, sind sie seit Mitte der 1980er Jahre bedeutender denn je für die Wissenschaften und die Öffentlichkeit. Dies liegt einerseits an dem gestiegenen öffentlichen Interesse am Schutz und der Inventarisierung von Arten, wozu sich Naturkundemuseen mit großen Sammlungen besonders gut eignen, zum zweiten an neuen hochsensiblen Methoden. Es ist heute problemlos möglich kleinste Spuren von z.B. Schwermetallen, Proteinen, DNA und Umweltgiften aus Belegen unterschiedlichen Alters zu isolieren. Dabei kann so wenig Material von einem Schmetterling, einem Moos oder einem Steinpilz entnommen werden, daß der Beleg kaum beschädigt wird. Hiervon profitieren neben Taxonomen, die die DNA isolieren und deren Sequenzen zur Untersuchung von Verwandtschaftsbeziehungen nutzen, vor allem Umweltforscher, die mit Hilfe von wissenschaftlichen Sammlungen Umweltveränderungen aufzuzeigen vermögen.
Ein Beispiel soll dies verdeutlichen und damit wären wir wieder bei Tschernobyl: Viele Speisepilze, so z.B. der Maronenröhrling, können Schwermetalle anreichern. Nach dem Unfall im Kernkraftwerk der ukrainischen Stadt im April 1986 und dem wenige Tage später folgenden Fallout auch über Teilen Deutschlands vermutete man, daß Speisepilze besonders stark radioaktives Caesium angereichert haben könnten. Es gab jedoch keinen Beweis, da keine Vergleichsdaten von vor 1986 vorlagen. Regensburger Wissenschaftler lösten das Problem sehr elegant, indem sie den Radiocaesiumgehalt von Sammlungsmaterial von zwei Speisepilzen, gesammelt im Herbst 1985 im Bayrischen Wald, maßen. Im Herbst 1986 sammelten sie an selbiger Stelle wieder die beiden Pilzarten und stellten bei diesen einen weitaus höheren Radiocaesiumgehalt fest. Somit konnte die Bevölkerung auf die erhöhten Strahlenwerte bei Speisepilzen aufmerksam gemacht werden. Wissenschaftliche Sammlungen sind somit auch bedeutende Archive, um Umweltveränderungen zu dokumentieren. Im Vergleich zu den modernen Umweltprobenbanken in Deutschland und Schweden, die Veränderungen nur innerhalb der letzten 20, 30 Jahre ermöglichen, kann man mit Hilfe von gut dokumentierten wissenschaftlichen Sammlungen ggf. mehrere Jahrhunderte zurückblicken.
Sie finden einen Überblick über die Sammlungen des SMNK und Kurzinformationen zu jeder Sammlung unter der Website des Zentralregister biologischer Forschungssammlungen in Deutschland (ZEFOD) in "Deutsches Informationsnetz Biodiversitätsforschung"
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