Ans Licht gebracht

„Das Pilzbuch – ein Taschenbuch für Pilzsammler“ von Paul Stricker
G. Braun Verlag, Karlsruhe, 1949
Pilzmodelle vermutlich aus den 1960er Jahren

Pilze kennt fast jeder, aus dem Supermarkt oder aus dem Wald. Doch was sind Pilze eigentlich? Genaugenommen handelt es sich bei den Pilzen, die wir essen, nur um die Fruchtkörper von Pilzen. Pilze bilden ein eigenes Reich neben den Tieren und Pflanzen. Im Boden wachsen sie als feines Geflecht, dem sogenanntem Mycel. Über dieses nehmen sie Wasser und Nährstoffe aus der Umgebung auf. Die Fruchtkörper der Pilze erscheinen saisonal als sichtbarer Teil eines Pilzes an der Oberfläche. Sie dienen der Produktion und Verbreitung von Pilzsporen und somit der Fortpflanzung. Pilze haben zahlreiche ökologische Funktionen: Sie zersetzen organisches Material und spielen eine entscheidende Rolle bei der Bodenbildung. [6] Zudem gehen viele Pilze mit Pflanzenwurzeln eine Symbiose (Lebensgemeinschaft) ein. Diese Symbioseform wird als Mykorrhiza bezeichnet (griechisch: mykes = Pilz, rhiza = Wurzel). Dabei versorgt der Pilz die Pflanze mit Nährstoffen und mit Wasser aus dem Boden. Im Gegenzug erhält der Pilz über die Wurzeln die Fotosyntheseprodukte der Pflanze, also Zucker. [7] Einige Pilzarten sind dabei auf bestimmte Baumarten spezialisiert. Aus diesem Grund findet man den Grünen Knollenblätterpilz beispielsweise nur unter Buchen und Eichen. [1]

Die Fruchtkörper vieler Pilze haben einen hohen Nährwert und sind gesund. Seit langem stehen sie daher in vielen Kulturen auf dem Speiseplan. Besonders die Nahrungsknappheit durch den Ersten und Zweiten Weltkrieg ließ vielerorts die Wertschätzung von Pilzen in der Bevölkerung steigen. Die Unwissenheit über die Gift- und Speisepilze führte jedoch zu zahlreichen, teilweise tödlichen Vergiftungen. [1] Im Jahr 1946 kam es allein in Berlin zu 1500 Pilzvergiftungen – 40 davon endeten tödlich. [2] Um diesen vorzubeugen wurden landesweit Pilzkenner gesucht. Daraufhin veranstaltete auch der Lehrer und Pilzkundler Paul Stricker (1878–1956) in Karlsruhe Pilzführungen und Vorträge, half ehrenamtlich bei Pilzausstellungen im Naturkundemuseum mit und führte Pilzberatungen auf dem Wochenmarkt auf dem Gutenbergplatz durch. [3] [4] Seine Beratungen wurden durch die „10 Gebote für Pilzfreunde“ – eine Tafel mit hilfreichen Tipps und Regeln fürs Pilzsammeln und Zubereiten – sowie durch Pilzmodelle aus Gips begleitet.

Bei Strickers Pilzberatungen kam häufiger der Wunsch nach einem Pilzratgeber auf, weshalb er 1949 mit Unterstützung der Alliierten ein Nachschlagewerk für die in Süddeutschland vorkommenden Pilze veröffentlichte. [1] [2]

„Dieses Verlangen nach einem praktischen Buch, dem die Sammler in den Beratungsstunden immer wieder Ausdruck verliehen, gab mit Veranlassung, den vorliegenden Ratgeber „Das Pilzbuch“, ein Taschenbuch für den Pilzsammler, zu verfassen. Ich schrieb darin alles nieder, was ich in jahrzehntelanger Pilzaufklärung als unbedingt notwendig für jeden Sammler erkannt habe.“ (Paul Sticker: Das Pilzbuch; Vorwort)

Die ausführlichen Beschreibungen wurden durch detailgetreue Pilzaquarelle des befreundeten Künstlers Paul Maier-Pfau (1899–1979) ­­ergänzt. Das Buch enthält zudem ausgewählte Rezepte zur Aufbewahrung, Zubereitung und Konservierung von Pilzen. [1]

„Ja, ich ging, den Zeitverhältnissen Rechnung tragend, noch etwas darüber hinaus. Denn die bisher als eßbar empfohlenen Pilze genügen längst nicht mehr, um das Riesenheer der Sammler, namentlich aus den Städten, zu befriedigen. Also muß das Interesse der Pilzfreunde auf neue Arten gelenkt werden, selbst auf solche, die erst nach besonderer Zubereitung genießbar sind.“ (Paul Sticker: Das Pilzbuch; Vorwort)

Dennoch blieb das Buch ein Ladenhüter, was wohl auf den damals hohen Preis von 12 DM, das schlechte Pilzjahr 1949 und die verbesserte Ernährungssituation zurückzuführen ist. Es wurde keine 2. Auflage herausgebracht. [2]

Vermutlich seit den 1960er Jahren und damit nach Strickers Zeit befinden sich die hier vorgestellten Wachsmodelle verschiedener Pilzfruchtkörper im Maßstab 1:1 in der Sammlung des Naturkundemuseums. Seitdem werden sie immer wieder in Ausstellungen des Naturkundemuseums Karlsruhe gezeigt.

Auch heute gibt es regelmäßig kostenlose Pilzberatungen in Karlsruhe. Die AG Pilze im Naturwissenschaftlichen Verein Karlsruhe e. V. (PiNK) berät in Zusammenarbeit mit dem Naturkundemuseum Karlsruhe jährlich von August bis November. S. Flyer

 

Grüner Knollenblätterpilz (Amanita phalloides)

Besonders vor dem Grünen Knollenblätterpilz ist Acht geboten! Bereits der Verzehr von kleinsten Mengen des Pilzes kann zu unangenehmen Vergiftungserscheinungen bis hin zum Tod führen. Der Pilz wächst von Juli bis Ende Herbst in Laubwäldern unter Eichen und Buchen. [1]

Steinpilz/Herrenpilz (Boletus edulis Bull.)
Der beliebte Speisepilz kann im Mai und im Juni sowie im Herbst unter Laub- und Nadelbäumen gefunden werden. [1]

Kronenbecherling (Sarcosphaera eximina Lev.)
Der selten vorkommende Kronenbecherling gilt als leicht giftig bis tödlich. Im Mai und Juni steht der Pilz in Nadelwäldern auf kalkhaltigen Böden. [1]

„Er wurde schon gegessen ohne nachteilige Folgen, hat aber auch schon tödliche Vergiftungen verursacht. Vor der Zubereitung muß der Pilz abgekocht werden unter Wegschüttung des Kochwassers.“ (Paul Stricker: Das Pilzbuch; S. 229)

Pfifferling (Cantharellus cibarius Fr.)
Ein weiterer beliebter, jedoch schwer verdaulicher Speisepilz ist der Pfifferling. Er kommt von Juni bis November in Laub- und Nadelwäldern vor. [1]

„Zu den besten Speisepilzen gehört der Pfifferling aber nicht; denn er ist sicher schwer verdaulich. Man kann ihn vielseitig verwenden; zum Trocknen eignet er sich nicht, weil er sehr hart wird.“ (Paul Stricker: Das Pilzbuch; S. 162)

Stinkmorchel (Phallus impudicus)
Die Stinkmorchel zeichnet sich durch einen penetranten Aasgeruch aus und ist ungenießbar. Der Fruchtkörper des Pilzes wächst von Juni bis Oktober unter Laub- und Nadelbäumen. [5]

Satanspilz (Boletus satanas Lenz)
Auch von dem Satanspilz sollte man die Finger lassen. Beim Verspeisen verursacht der Pilz unangenehme, jedoch nicht tödliche Vergiftungen. Im September erscheint der Pilz in dichten Laubwäldern auf kalkhaltigen Böden, bevorzugt unter Buchen und Eichen. [1]

„Am 30.9.47 brachte eine hiesige Sammlerin aus dem Pfinztal (Rotbuchen auf Muschelkalk) zwei Spankörbe voll Satanspilze in die Pilzberatung. Da sie gleichzeitig und am gleichen Standort auch den so seltenen Sommerröhrling (Bol. Aestivalis) in etwa 6 Exemplaren gefunden hatte, darf man annehmen, daß der heiße und trockene Sommer 1947, der uns ein so schlechtes Pilzjahr beschert hat, gerade diesen beiden Arten zusagte.“ (Paul Stricker: Das Pilzbuch; S. 180)

Speisemorchel (Morchella esculenta L.)
Die Speisemorchel gilt als ausgezeichneter Speisepilz und kann im April und Mai gesammelt werden. Der Pilz kommt u.a. in Parkanlagen, unter Laubgebüsch und in den Auenwäldern des Rheins vor. [1]

Flockenstieliger Hexen-Röhrling (Boletus erythropus)
Von Mai bis November steht dieser Speisepilz in Laub- und Nadelwäldern auf kalkarmen Böden. [5]

Herbsttrompete (Craterellus cornucopioides L.)
Ein guter Speisepilz ist auch die Herbsttrompete. Im Herbst kann dieser Pilz in Laubwäldern, besonders unter Buchen, gefunden werden. [1]

„Das dünne, etwas zähe Fleisch ist ohne besonderen Geruch und Geschmack. […] Er ist eßbar und eignet sich zu Suppen, besonders aber zu Pilzpulver oder Pilzwürze." (Paul Stricker: Das Pilzbuch; S. 192)

 

[1] Paul Stricker: Das Pilzbuch. Ein Taschenbuch für Pilzsammler. G. Braun Verlag, Karlsruhe, 1949.

[2] Markus Scholler: Die Bedeutung von Paul Strickers Pilzbuch für die Volksernährung in Karlsruhe nach dem Zweiten Weltkrieg. Vortrag am Naturkundemuseum, 17.09.2013.

[3] Dieter Oberle, Georg Müller, Reinhold Schneider, Peter Sperling, Markus Scholler: Öffentliche Pilzberatung in Karlsruhe früher und heute. Andrias, 19, 2012, 155-158.

[4] Markus Scholler: Die Arbeitsgruppe Pilze im Naturwissenschaftlichen Verein Karlsruhe e. V. (PiNK) – ein Rückblick auf die Aktivitäten der ersten Jahre. Carolinea, 66, 2008, 163-170.

[5] Karin Montag: Pilze – Sicher bestimmen mit Foto und Zeichnung. Kosmos Verlags-GmbH & Co., Stuttgart, 2. Auflage, 2003.

[6] NABU Schleswig-Holstein: Im Reich der Fungi – Wo Dickfuss und Ritterling ihr Samthäubchen treffen. 21.09.2016. Abgerufen auf https://schleswig-holstein.nabu.de/tiere-und-pflanzen/pilze/21271.html am 30.09.2021.

[7] Franziska Steffens, Wolf-Rüdiger Arendholz, Jürgen G. Storrer: Die Ektomykorrhiza: Eine Symbiose unter der Lupe. In: Biologie in unserer Zeit 24, Nr. 4, 1994, S. 211-218.

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