WissensWert
September 2026 bis März 2027
Das Riff im Griff
Unser Korallenriff ist seit der Eröffnung des Ausstellungsbereichs „Form und Funktion – Vorbild Natur“ vor zehn Jahren ein Publikumsliebling. Im größten lebenden Korallenriff Deutschlands existiert ein eigenes kleines Ökosystem. Die Korallen selbst beeindrucken mit einer erstaunlichen Vielfalt an Formen. Manche dieser Baumeister wachsen astförmig (z. B. viele Arten der Gattung Acropora, Geweihkorallen), andere bilden massive Platten (Montipora, Porenkoralle) oder knotige Strukturen (Favites, Hornkoralle). Korallenkolonien können unter Umständen sehr groß werden und dabei die Länge eines Blauwals übertreffen (z. B. Acropora, Pocillopora oder Stylophora). (Abbildung 1–5)
Auch wenn Begriffe wie „Korallengarten“ oder „Unterwasserwald“ eine Verwandtschaft zu den Pflanzen andeuten, gehören Korallen zu den Nesseltieren und bestehen aus zahlreichen winzigen Einzeltieren, den Polypen. Gemeinsam bilden diese eine Kolonie, bauen durch Ausscheidung Kalkskelette auf und wachsen so als Riff in die Höhe. Gebirge und Felsformationen wie der Albtrauf sind über Jahrmillionen unter anderem aus den Kalkskeletten ehemaliger Riffe entstanden (Abbildung 6). Viele riffbildende Korallen leben dabei in enger Partnerschaft mit mikroskopischen Einzellern, den Zooxanthellen. Diese betreiben Photosynthese und versorgen die Polypen so mit Energie in Form von Glucose und Sauerstoff. Im Gegenzug erhalten die Einzeller Schutz und wichtige Nährstoffe.
Unser Riffbecken bringt die Vielfalt der Korallen des Indopazifiks in einem einzigen großen Aquarium zusammen – es fasst 240.000 Liter, bei ca. 70 m² Grundfläche! Seit seiner Einrichtung sind eine tägliche Pflege und regelmäßige Wasserqualitätskontrollen absolut notwendig, da vor allem die Korallen sensibel auf Schwankungen in der Umgebung reagieren.
Wir können aber noch mehr – in speziell angelegten Zuchtbecken hinter den Kulissen werden etliche Korallenarten auch vermehrt. Dies geschieht durch Fragmentierung der Tiere: Kleine Teile der Korallen werden auf neuem Untergrund angebracht und wachsen dort weiter. Dabei können auch Korallen regelmäßig an andere Einrichtungen abgegeben werden.
Als natürliche Barriere wirken Korallenriffe als effektive Wellenbrecher und schützen damit die Bevölkerungen von Küstengebiete vor Erosion und den zerstörerischen Folgen von Sturmfluten. Gleichzeitig bilden sie die wirtschaftliche Lebensgrundlage für Millionen von Menschen vor allem durch Fischerei und Tourismus und erbringen eine Wertschöpfung von zwischen 125 und 145 Billionen US-Dollar (Stand 2011) [1].
Korallenriffe spielen außerdem eine wichtige Rolle in der medizinischen Forschung, da die Organismen der Riffe zahlreiche Wirkstoffe für die Behandlung von Krankheiten liefern. Obwohl sie nur einen winzigen Bruchteil des Meeresbodens bedecken, beherbergen sie ein Viertel aller marinen Arten und haben nach den tropischen Regenwäldern die größte Artenvielfalt aller Ökosysteme [2]!
Der Verlust dieses vielfältigen Ökosystems durch Einflüsse wie den menschengemachten Klimawandel ist schon heute weltweit sichtbar, zum Beispiel beim Great Barrier Reef in Australien: Durch das Absterben der Korallen geht dieser Lebensraum verloren. Das Verschwinden dieser Hotspots der Artenvielfalt würde somit Mensch und Natur gleichermaßen hart treffen.
Quellen:
[1] Costanza, R., de Groot, R., Sutton, P., van der Ploeg, S., Anderson, S. J., Kubiszewski, I., Farber, S., & Turner, R. K. (2014). Changes in the global value of ecosystem services. Global Environmental Change, 26, 152–158. doi.org/10.1016/j.gloenvcha.2014.04.002.
[2] Reaka-Kudla, M. L. 1997. The global biodiversity of coral reefs: A comparison with rainforests. In: Reaka-Kudla, M. L., D. E. Wilson, and E. O. Wilson (eds.), Biodiversity II: Unverstanding and Protecting Our Natural Resources, pp. 83-108. Joseph Henry/National Academy Press, Washington, D.C.








