Zusammenfassung
In einer umfassenden Dokumentation werden
sämtliche aktuell und historisch nachgewiesenen
Flechten und flechtenbewohnenden Pilze des
Odenwaldes behandelt und deren Verbreitung
in Punktrasterkarten auf MTB-Quadrantenbasis
dargestellt. Aktuell – in einem mehr als zwan-
zig Jahre umfassenden Beobachtungszeitraum
– wurden 660 Flechtenarten und 78 flechtenbe-
wohnende Pilzarten festgestellt. Dies sind für ein
fast 2500 km
2
großes, nur gut 600 m Meereshö-
he erreichendes Gebiet sehr hohe Artenzahlen,
die zum einen auf einer überdurchschnittlich
gründlichen Erfassung beruhen, zum anderen
mit einem flechtengünstigen Klima und der er-
heblichen Erholung der Flechtenvegetation im
Untersuchungszeitraum infolge abnehmender
SO
2
-Belastung zu erklären sind. Die höchste pro
Messtischblatt-Quadrant ermittelte Artenzahl be-
trägt 319, pro Messtischblatt 425 – diese Zah-
len übertreffen jene in vergleichbaren Regionen
der Bundesrepublik registrierten deutlich und
reichen an die Nachweise im Schwarzwald in
hochmontanen Lagen heran. Neu für den Oden-
wald sind 142 Arten. Für Hessen werden 55, für
Baden-Württemberg 39 und für Bayern 32 Arten
von Flechten, flechtenbewohnenden und fakulta-
tiv lichenisierten Pilzen neu nachgewiesen, un-
ter ihnen besonders viele flechtenbewohnende
Pilze, die bislang wenig beachtet wurden. Für
Deutschland werden erstmals belegt:
Fellhanera
ochracea
,
Lichenochora coarctatae
,
Lichenodi-
plis hawksworthii
,
Pronectria oligospora
,
P. orna-
mentata
,
Thelocarpon magnussonii
,
T. saxicola
,
Vezdaea stipitata
. Wieder aufgefunden wurden
die in Deutschland lange verschollenen
Aphan-
opsis coenosa
,
Arthonia mediella
,
A. molendoi
,
Sphinctrina tubiformis
und
Thelocarpon cocco-
sporum
. An weiteren bemerkenswerten Arten
wurden nachgewiesen z.B.
Arthonia endlicheri
,
Arthothelium spectabile
,
Catinaria atropurpurea
,
Cyphelium lecideinum
,
C. sessile
,
Diplotomma
lutosum
,
Gyalidea diaphana
,
Immersaria athroo-
carpa
,
Lecanora rhodi
,
Lobothallia praeradiosa
,
Micarea hedlundii
,
Thelenella pertusariella.
Für sämtliche aktuell nachgewiesenenArten wer-
den die Zahl der Nachweise (= Zahl der „beleg-
ten“ Quadranten) genannt sowie der Bestands-
trend in den vergangenen zwei Jahrzehnten
(abnehmend/zunehmend) und das Ausmaß der
Gefährdung im Gebiet eingeschätzt. 193 histo-
risch nachgewiesene Arten konnten nicht wieder
aufgefunden werden.
Besonders stark vertreten sindArtenmit subatlan-
tischer und temperat-mitteleuropäischer Verbrei-
tung; dagegen ist das boreal-montane Element
infolge der geringen Höhenlage des Odenwaldes
sehr spärlich vertreten, so mit
Umbilicaria deusta
und
U. polyphylla
oder
Immersaria athroocarpa
und
Lecidea commaculans
. Auffallend zahlreich
sind solche atlantisch-subatlantisch oder subat-
lantisch-submediterran verbreiteten Arten, die
sich infolge des sich erwärmenden Klimas in den
letzten Jahren nach Osten ausbreiten, wie
Fla-
voparmelia caperata
,
Punctelia borreri
,
Bacidia
neosquamulosa
oder
Lecanora sinuosa.
In einer umfangreichen Recherche wurden so
weit wie möglich die zugänglichen historischen
Belege von Flechten und flechtenbewohnenden
Pilze aus dem Odenwald überprüft und die Li-
teratur ausgewertet. Insbesondere wurden viele
Belege (im Botanischen Museum Berlin-Dahlem)
von Otto Behr, der von 1947 bis 1957 im Oden-
wald sammelte und seine Ergebnisse 1954 pu-
blizierte, revidiert.
Die ökologischen Bedingungen des Odenwaldes
für Flechten werden charakterisiert und die typi-
schen und bemerkenswerten Flechtenstandorte
und Flechtenbiota beschrieben. Die Historie der
Erforschung der Flechtenflora des Odenwaldes
wird rekapituliert.
Abstract
In a comprehensive study, all species of lichens
and lichenicolous fungi detected within the Oden-
wald, a mountain area near Heidelberg, were
treated and their distribution shown in grid maps.
During an observation period of more than 20
years a total of 660 lichen species and 78 spe-
cies of lichenicolous fungi were found. These
are very high numbers for an area of 2,500 km
2
that reaches an altitude of only 600 m above
sea level. The high number of finds can be at-
tributed to several factors including: a very thor-
ough search, a favourable climate for lichens
and the considerable recovery of the lichen veg-
etation following the decrease of SO
2
pollution
during the last 10-15 years. The highest number
of species registered in a single MTB quadrant
(5.5 x 6 km) was 319, with 425 being record-
ed in a whole MTB area (11 x 12 km). These
numbers surpass those of comparable regions
in Germany and reach up to the records of the
mountainous areas of the Black Forest. 142
species are new to the Odenwald. 55 species
are new for Hesse, 39 for Baden-Württemberg,
32 for Bavaria, among them many lichenicolous
fungi which are still not sufficiently known. New
to Germany are:
Fellhanera ochracea
,
Licheno-
chora coarctatae
,
Lichenodiplis hawksworthii
,
Pronectria oligospora
,
P. ornamentata
,
Thelo-
518
andrias, 17
(2008)
1...,508,509,510,511,512,513,514,515,516,517 519,520,521,522,523,524,525,526,527,528,...532