Carolinea 77

G üsten et al.: Bläulinge in der Jagst-Kocher-Region: Verbreitung, Ökologie, Schutz 125 7.4 Larvalhabitat In der Jagst-Kocher-Region, wie auch sonst in Südwestdeutschland, findet L. dispar heute sein Reproduktionshabitat überwiegend auf land- wirtschaftlich stark genutzten Mähwiesen (Abb. 51). Diese stellen einen Sekundärlebensraum dar, der wohl erst in jüngerer Zeit zusammen mit dem Stupfblättrigen Ampfer als Raupennahrung erschlossen wurde. Noch de L attin et al. (1957) nennen für Rheinland-Pfalz lediglich den Fluss- und den Wasser-Ampfer als Wirtspflanzen. Der Fluss-Ampfer stellt in den Niederlanden die ein- zige und im östlichen Teil des Verbreitungsge- biets die hauptsächliche Nahrungspflanze für die Raupen dar. Eiablagen an Krausem und Stumpf- blättrigem Ampfer in Ostdeutschland wurden erst in jüngerer Zeit dokumentiert ( K ühne et al. 2001, W achlin & H oppe 2012). Das ursprüngliche Larvalhabitat von L. dispar ist also im nassen bis sehr nassen unmittelbaren Uferbereich von ste- henden und fließenden Gewässern und staunas- sen Hochstaudenfluren (Abb. 52) mit Vorkommen des Fluss-Ampfers zu suchen. In Südwestdeutschland besteht folglich die pa- radoxe Situation, dass der von L. dispar in Be- zug auf die Eiablage am wenigsten bevorzugten Wirtspflanze, dem Stumpfblättrigen Ampfer, die wichtigste Bedeutung für die Erhaltung der Art zukommt. Der Grund hierfür ist, dass sie in der Kulturlandschaft weitaus häufiger vorkommt als die übrigen in Frage kommenden Ampfer-Arten. Nach den Beobachtungen von S. M ayer (in litt.) gibt es gewisse Hinweise, dass die Überlebens- rate der Raupen am Stumpfblättrigen Ampfer geringer sein könnte, da oft an Pflanzen mit deutlichen Fraßspuren kleinerer Raupen (Abb. 53) keine erwachsenen Raupen aufgefunden werden konnten. Nicht bekannt ist, weshalb der Krause Ampfer als Eiablagesubstrat mehr ge- schätzt wird, obwohl er wahrscheinlich ebenfalls eine sekundär erschlossene Wirtspflanze dar- stellt. Zwei der untersuchten Lokalitäten (NSG Gips- bruch Kirchbühl bei Vellberg, Abb. 68; Stetten- ring östlich von Künzelsau) unterscheiden sich von den übrigen Larvalhabitaten deutlich, da sie nicht benachbart zu einem Hauptfließgewässer oder einem seiner Zuläufe liegen. Die daraus resultierenden Standortverhältnisse wirken sich für L. dispar überraschend positiv aus, da die Häufigkeit des Krausen Ampfers im Verhältnis zum Stumpfblättrigen Ampfer größer ist als auf den flussnahen Wiesen. Die Wuchsorte des Krausen Ampfers sind weniger eutroph und et- was trockener, wenngleich es auch einen deut- lichen Überschneidungsbereich gibt. Bei den Sonderstandorten handelt es sich einerseits um eine ehemalige Tagebaufläche in einem Natur- schutzgebiet und zum anderen um ein Moto- cross-Gelände. Eier von L. dispar wurden dort während der Studie ausschließlich bzw. ganz überwiegend an Krausem Ampfer gefunden. Aufgrund der nahezu vollständigen Nutzung der Hochflächen als Ackerland sind derartige Loka- litäten selten. Auf dem Motocross-Gelände wur- den im Jahr 2012 an einem Tag 23 Falter und 145 Eier gezählt ( W agner , W . in Europäische Schmetterlinge und ihre Ökologie). Leider ist dieses Biotop inzwischen aufgrund der Errich- tung eines Solarparks und mangelnder Pflege- maßnahmen (Verbrachung) für L. dispar kaum noch geeignet. 7.5 Myrmekophilie Eine Assoziation mit Ameisen konnte bei den zwölf gefundenen Raupen (meist L 1 bis L 2 ) nicht festgestellt werden (Tab. 12). Dies entspricht langjährigen Beobachtungen in der Jagst-Ko- cher-Region, bei denen über 100 Raupen regis- triert wurden (S. M ayer , in litt. ) . Es ist jedoch an- zunehmen, dass bis zum 2. Larvalstadium (Abb. 54) keine Attraktivität für Ameisen auftritt, da dies selbst bei den Echten Bläulingen meistens nicht der Fall ist. Nur drei während der Studie gese- hene Raupen und einige wenige von S. M ayer beobachtete Exemplare waren im vorletzten (Abb. 56) oder letzten Stadium (Abb. 47). Laut G rünfelder (2008) und L afranchis et al. (2015) werden nur vier Larvalstadien ausgebildet. Dass eine Vergesellschaftung mit Ameisen in der Re- gion auftreten kann, belegen Untersuchungen in der nahegelegenen Backnanger Bucht durch G ötz (2009), der häufiger Besuche der Ameisen- art Lasius niger bei erwachsenen Raupen und auch Puppen von L. dispar feststellte. Aus Euro- pa sind ansonsten nur zwei Fälle einer Assoziati- on mit Myrmica rubra bekannt geworden ( H inton 1951, E bert & R ennwald 1991). Die Myrmekophilie bei den Feuerfaltern ist grundsätzlich von anderer Natur als bei den Ech- ten Bläulingen (und auch den Zipfelfaltern, vgl. Kap. 5.5), da den Feuerfaltern die verantwort- lichen Organe (Nektarorgan, Tentakelorgane) für eine symbiotische Beziehung mit Ameisen fehlen. Lediglich die Porenkuppelorgane treten bei ihnen auf. F iedler (2006) spricht von einer kommensalen Beziehung, bei der die Ameisen nicht von dem Besuch der Raupen profitieren,

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