Carolinea 77

Carolinea 77 (2019): 181-183, 1 Abb.; Karlsruhe, 16.12.2019 181 Die Flechte Biatora ocelliformis in Südwestdeutschland nachgewiesen (Lecanoromycetes, Ramalinaceae) V olkmar W irth Kurzfassung Biatora ocelliformis, eine Flechtenart historisch alter Buchenwälder in montanen Lagen, wurde erstmals im Südschwarzwald nachgewiesen. Die Vergesellschaf- tung mit anderen Flechten wird beschrieben. Abstract First record of the lichen Biatora ocelliformis in Southwest Germany (Lecanoromycetes, Ramalinaceae) Biatora ocelliformis , a lichen of old-growth mountain beech stands, was found in the southern Black Forest. The other associated lichen species are listed. Autor Prof. Dr. V olkmar W irth , Friedrich-Ebert-Straße 68, 71711 Murr; E-Mail: volkmar.wirth@online.de Obwohl die lichenologische Durchforschung des Südwestens der Bundesrepublik Deutschland auf einem guten Stand ist, gelingen laufend Erst- nachweise für das Gebiet oder für Deutschland (z.B. W irth 2017, 2019, W irth et al. 2011, W irth et al. 2018 ). Dies betrifft nicht nur Arten, die im vermuteten Zusammenhang mit dem Klimawan- del aus milderen oder wärmeren Regionen nach Deutschland einwandern, sondern auch Spe- zies, die seit langer Zeit einheimisch sind. Hier wird über den Erstnachweis einer epiphytischen Krustenflechte in Südwestdeutschland berichtet, die in naturnahen Buchen- und Tannen-Buchen- wäldern in ozeanischen Lagen heimisch ist. Eine junge Einwanderung infolge Klimaerwärmung ist auszuschließen. Biatora ocelliformis (Nyl.) A r ­ nold ist geradezu eine konservative Art, die eher reliktische Züge trägt. Biatora ocelliformis zählt zu der historisch und ökologisch definierten Gruppe der Flechten „his­ torisch alter Wälder“ („old-growth forests“) (z.B . R ose 1976, T ibell 1992, W irth et al. 2009). Die Habitate dieser Flechten sind Wälder, die eine differenzierte Altersstruktur aufweisen und seit langer Zeit, im besten Fall seit Jahrhunderten, keinen Kahlschlag und keine wirkungsähnlichen Katastrophen erlebt haben. Sie sind im Regel- fall plenterartig bewirtschaftet. Anders als etwa im Massiv des Böhmerwaldes sind im Schwarz- wald historisch alte Wälder kaum vorhanden. Sie finden sich (noch) häufiger im bäuerlichen Privatwald, sofern er traditionell als nachhal- tiges, generationenübergreifendes Naturkapital verstanden wurde, daneben auch im Gemein- dewald. Im Staatswald sind derartige Wälder im Gebiet selten. Biatora ocelliformis ist eine Krustenflechte mit schwärzlichen biatorinen Apothecien, die flach bis mäßig gewölbt bleiben und zumindest an- fangs einen helleren Rand aufweisen.Die hell- bis grünlichgrauen Lager bleiben meist klein und sind zwischen andere Krustenflechten „eingestreut“, unter denen sich meist weitere Biatora -Arten fin- den. Eine ausführliche Beschreibung gibt P rint ­ zen (1995), ein Foto zeigen W irth et al. (2013). Die Art war im vorletzten Jahrhundert von A rnold im Fränkischen Jura bei Eichstätt ( A rnold 1874) und in den Bayerischen Alpen bei Garmisch-Par- tenkirchen gefunden und als Varietät „ atroviridis “ von Lecidea turgidula beschrieben worden ( A r ­ nold 1864). Durch die Monographie über Biatora von P rintzen (1995) rückte die Flechte wieder ins Blickfeld. Sie wächst am Stamm von Rotbuche, seltener von Berg- und Spitzahorn, Tanne und Fichte in naturnahen Beständen. Der Fund im Hochschwarzwald entspricht dem Bild, das man von aktuellen Vorkommen anderenorts kennt. Die Flechte wurde dort an zwei Buchen mittleren Alters in einem Abieti-Fagetum entdeckt. Auch die Vergesellschaftung kann als typisch ange- sehen werden, ebenfalls ein Indiz für langzeitige Integration der Flechte: Biatora helvola und Bia­ tora efflorescens nebst verbreiteteren Arten wie Arthonia didyma, Phlyctis argena, Buellia griseo­ virens und Graphis scripta . Die Anwesenheit von Pseudosagedia aenea in über 1.000 m Höhe kann als Zeichen relativ milder Klimaverhältnisse gewertet werden, zeigt doch diese Art Verbrei- tungslücken in kontinentaler getönten Regionen Baden-Württembergs ( W irth 1995).

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