Carolinea 77

Naturwissenschaftlicher Verein 203 Sitzungstätigkeiten Im Berichtsjahr fand eine Sitzung von Vorstand und Beirat am 23. Oktober 2018 statt, in deren Zentrum die Erstellung des zukünftigen Jahres- programms für 2019 stand. Veranstaltungen 2018 Das Vortrags- und Exkursionsprogramm fand weitgehend planmäßig statt, es entfielen wegen Trockenheit allerdings die 16. Karlsruher Frisch- pilzausstellung und zwei Exkursionen wegen widriger Witterung. Insgesamt fanden 14 Vor- trags- oder Filmveranstaltungen und acht (von 10) Exkursionen wie angekündigt statt. Auch 2018 war für den Verein wieder ein sehr erfolg- reiches Jahr, was sich sowohl an den hohen Be- sucherzahlen bei den erstklassigen Vorträgen als auch im Mitgliederzuwachs wiederspiegelt. 9. Januar 2018 Geheimnisvoller Mikrokosmos im Lindenbaum Filmpremiere und Vortrag von Prof. Dr. U rs W yss (Christian-Albrechts-Universität Kiel), gleich­ zeitig Themenvortrag zur Dauerausstellung „Welt der Insekten“ des Karlsruher Naturkunde­ museums Der Filmvortrag (60 Minuten) führte den Betrach- ter in den Mikrokosmos einer Winterlinde, in eine mit dem bloßen Auge nicht sichtbare Welt voller Geheimnisse und Gefahren. Mit Hilfe spezieller Aufnahmetechnik erscheinen Blattläuse und andere kleine Bewohner der Linde riesengroß. Überall lauern gefräßige Feinde, es herrscht ein ständiger Kampf um Leben und Tod. Der Hauptbewohner, die aparte rotäugige Linden- zierlaus Eucallipterus tiliae , den meisten wegen ihrer verschwenderischen Honigtauausschei- dung bekannt, hat kaum eine Chance, sich ge- gen eine Vielzahl von Feinden zu wehren, seien es Marienkäfer, räuberische Wanzen, Larven von Schweb- und Florfliegen und Schlupfwes- pen. Letztere sind jedoch recht selten auf dem Baum anzutreffen. Winzige, kaum aus dem Ei geschlüpfte Schwebfliegenlarven sind in der Lage, erwachsene Blattläuse mit ihren klebrigen Ausscheidungen festzuhalten und nach langem Kampf für eine Mahlzeit zu besiegen. Im frühen Sommer sind die Eigelege von Stinkwanzen eine besondere Attraktion. Es ist faszinierend anzuse- hen, wie sich dieWanzen in den Eiern entwickeln. Besonders spannend wird das Schauspiel, wenn Nachkommen der Schlupfwespe Trissolcus sp. in den parasitierten Eiern heranwachsen. Meistens entsteht nur ein einziges Männchen, das nach dem Schlupf ca. zwei Tage lang in der Nähe des Geleges warten muss, bis die sich langsamer entwickelnden Weibchen schlüpfen. Dann kann das Männchen konkurrenzlos in aller Ruhe seine Arbeit erledigen. Die Lindenblattwespe Caliora annulipes hinterlässt auf der Blattunterseite ähn- liche Fraßsymptome wie die zu den Zwergwick- lern gehörende Raupe Bucculatrix thoracella . Bewundernswert, wie diese Raupe im verpup- pungsreifen Stadium mit dem Bau eines hangar- ähnlichen Seidenkokons ein architektonisches Meisterwerk vollbringt. Ähnlich faszinierend ist die Verpuppung des Eulenfalters Amphipyra py­ ramidea unter einem auf dem Blatt säuberlich fest verankerten Blattfragment. Der Streifzug durch den Mikrokosmos eines Lindenbaums ist vergleichbar aufregend wie ein Streifzug durch den Dschungel: Überall, auch im verborgensten Winkel, regt sich Leben, winzige, erstaunlich schnell bewegliche Gallmilben besiedeln speziell von ihnen modifizierte Areale und Wohnungen, Psocopteren (Staubläuse) sind mit mindestens drei Gattungen allgegenwärtig, und schaurig an- zusehen ist der aus menschlicher Sicht „brutale“ Umgang der Räuber, hier in erster Linie Marien- käfer ( Harmonia axyridis ; Calvia decempunctata ) und Schwebfliegen (verschiedene Arten) mit der Lindenzierlaus. „Versöhnlich“ stimmt dagegen der bei starker Vergrößerung dokumentierte Schlupf der Käferlarven aus den Eiern sowie der Abbildung 2. Die Kolonien des Moostierchens, Crista­ tella mucedo , überziehen als gallertige Masse Äste. Sie bestehen aus vielen einzelnen Cystiden, deren Tentakelkränze das Wasser nach Nahrung durchsei- hen. – Foto: T homas H olfelder , Limnologische AG.

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