Carolinea 77

94 Carolinea 77 (2019) Einleitung Die Tagfalterfamilie der Bläulinge (Lycaenidae) wird in mehrere Unterfamilien aufgeteilt, von de- nen drei in Mitteleuropa vorkommen: Feuerfalter (Lycaeninae), Zipfelfalter (Theclinae) und Echte Bläulinge (Polyommatinae). Bläulingsraupen und Ameisen gehen oft wechselseitige Beziehungen miteinander ein (Myrmekophilie), die von einer fakultativen Symbiose (Raupe an der Nahrungs- pflanze mit Ameisengarde) bis zum obligaten Pa- rasitismus (Leben der Raupe im Ameisennest) reichen (z.B. F iedler 2006). Bei den fakultativ Myrmekophilen werden die Raupen regelmäßig von Ameisen besucht, wobei die Ameisen Futter- sekret erhalten und die Raupen einen gewissen Schutz durch die Ameisen genießen. Bei dieser Lebensweise wird zumeist beobachtet, dass ver- schiedene Ameisenarten in Beziehung zu den Raupen einer bestimmten Bläulingsart treten können, auch wenn gebietsweise oft nur eine bis wenige Ameisenarten als Partner fungieren (vgl. z.B. L afranchis & L afranchis 2012, S anetra et al. 2015). Zudem werden die Bläulingsraupen in wechselnder Häufigkeit auch ohne Ameisen- garde angetroffen (z.B. F iedler 2006, L afranchis et al. 2015). Seltener als bei den Echten Bläulin- gen findet man Ameisenbegleitung bei Zipfelfal- tern und Feuerfaltern (vgl. F iedler 1991, 2006), jedoch gibt es hierzu deutlich weniger detaillierte Untersuchungen. Im Gegensatz dazu stehen die Raupen einiger Echter Bläulinge in so starker Abhängigkeit zu bestimmten Ameisenarten, dass sie ohne de- ren Anwesenheit nicht eigenständig überleben könnten. So ist beispielsweise Plebejus argus ( L innaeus , 1758) obligatorisch mit unterschied- lichen Arten von Wegameisen ( Lasius spp.) als Symbiosepartner assoziiert ( F iedler 2006, L a ­ franchis et al. 2015). Im Falle der Ameisenbläu- linge aus der Gattung Phengaris* ist dieBläulings- Ameisenbeziehung zum Parasitismus evolviert, wobei sich die Raupe im Ameisennest entwickelt und sich dort bei einigen Arten räuberisch von der Ameisenbrut ernährt, bei anderen von den Ameisen gefüttert wird („Kuckucksarten“). Die Ameisenbläulinge leben in den frühen Larvalsta- dien vegetarisch an bestimmten Wirtspflanzen, später werden sie dann von Knotenameisen der Gattung Myrmica in deren Nester aufgenommen (z.B. T artally et al. 2019). Viele Bläulinge sind deutschlandweit in ihrem Bestand rückläufig, und einige Arten sind wegen ihrer akuten Gefährdung nach der europäischen Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (Anhänge II und IV) geschützt („FFH-Arten“). In Baden-Württem- berg ist eine Abnahme der Populationen für die meisten Schmetterlingsarten gut dokumentiert ( F ilz et al. 2013, H abel et al. 2019). Insbeson- dere können die historischen und aktuellen Ver- breitungsgebiete mittels der Landesdatenbank Schmetterlinge Baden-Württembergs (LDS-BW; www.schmetterlinge-bw.de ) am Staatlichen Mu- seum für Naturkunde Karlsruhe (SMNK) dar­ gestellt werden. Als Hauptursache für den Arten- schwund kann die Verschlechterung der Lebens­ räume verantwortlich gemacht werden, wobei Nahrungsspezialisten stärker betroffen sind als Arten mit generalistischer Lebensweise (z.B. H abel et al. 2016). Beeinträchtigungen entste- hen vor allem durch land- und forstwirtschaft- liche Aktivitäten (z.B. Überdüngung), aber auch Pflegemaßnahmen in den Schutzgebieten sind teilweise nicht unproblematisch. Dabei sind die Präimaginalstadien (Eier, Raupen und Puppen) wegen ihrer Standorttreue anfälliger gegenüber anthropogenen Einflüssen als die flugfähigen Falter. Für den praktischen Naturschutz ist es daher wichtig, eine möglichst genaue Charak- terisierung der Entwicklungshabitate bedrohter Schmetterlinge zu erlangen (z.B. D olek & G eyer 2000, D olek et al. 2019), um dann gezielte Schutzmaßnahmen für die Arterhaltung einzu- leiten. Die vorliegende Studie behandelt die Jagst-Ko- cher-Region im Nordosten von Baden-Württem- berg, welche südlich an den artenreichen Natur- raum Tauberland (z.B. E bert & R ennwald 1991, S anetra et al. 2015) angrenzt. Durch frühere Nachweise aus der Datenbank (LDS-BW) war bekannt, dass relativ viele gefährdete Bläulings- arten potentiell in der Region vorkommen. Auf der anderen Seite wies das Gebiet einen schlechten Durchforschungsgrad in Bezug auf die Tagfal- terfauna auf (gemessen an der Artenzahl pro TK25-Quadrant). Folglich war ein bedeutender Zuwachs an faunistischen Erkenntnissen durch die Kartierung zu erwarten. Das Untersuchungs- gebiet beinhaltet die Einzugsbereiche der beiden Fließgewässer Jagst und Kocher, wo es sich über drei Naturräume (im Sinne der Naturräum- lichen Gliederung Deutschlands nach M eynen & S chmitthüsen 1955 ) erstreckt: die Kocher-Jagst- * Die Internationale Kommission für Zoologische Nomenklatur hat entschieden (ICZN 2017), dem Gattungsnamen Maculi­ nea van E ecke , 1915, keine Priorität vor Phengaris D oherty , 1891, zuzuerkennen. Dem Antrag von B alletto et al. (2010) wurde damit nicht stattgegeben.

RkJQdWJsaXNoZXIy MjI1Mjc=