Carolinea 78
66 Carolinea 78 (2020) gar nicht mehr besiedelt. Dies gilt auch für Teile des Haupthabitats. Dagegen wird seit 2015 ver stärkt ein Teilbereich besiedelt, der von seiner Habitatstruktur für die Art nur mäßig geeignet erscheint. Über viele Jahre gelangen hier kaum Nachweise. Nun lassen sich in diesem Teilhabi- tat verstärkt Raupengespinste finden, da hier an vielen Stellen noch feuchtere Bedingungen vor- herrschen. Raupengespinste in sehr großer Höhe (15 m und höher) werden heute nur noch selten nach- gewiesen. Auch hier ist ein Zusammenhang mit den veränderten Feuchtebedingungen zu se- hen. Weiter ist davon auszugehen, dass speziell lange Trockenperioden während der Überwinte- rungsphase der Raupen (August bis März) zu überdurchschnittlich hohen Ausfällen führen. Große Raupenansammlungen im Frühjahr sind meistens an vergleichsweise feuchten Stellen zu finden. Dies korreliert nicht zwingend mit einer hohen Zahl von Raupengespinsten bzw. hoher Individuenzahl von Raupen, die dort im Jahr zuvor an den Eschen nachgewiesen wurden. In- wieweit zunehmende Hitze und längere Trocken- phasen Einfluss auf die Vitalität der Jungraupen im Sommer haben, ist nicht bekannt. D olek et al. (2018) berichten von vertrockneten Eigelegen (z. T. mit schlupfbereiten Raupen), die sie im Stei- gerwald fanden. Solche Beobachtungen liegen aus Baden-Württemberg nicht vor. Denkbar wäre aber auch ein negativer Einfluss auf die Vitalität der Raupen, der sich möglicherweise in einer er- höhten Mortalität durch Vertrocknen während der Überwinterung zeigt. Problematisch ist neben der Trockenheit die Zunahme von Starkregenereignissen im Zu- sammenhang mit der Klimaveränderung. Diese führen (speziell im Frühling) immer wieder zur Überschwemmung der Auenbereiche, wo sich häufig Raupen und Puppen befinden. Zu beden- ken ist hier, dass sich der Lebenszyklus von E. maturna die meiste Zeit des Jahres am Boden abspielt. Als Art der Flussauen sollte eine ge- wisse Anpassung an Überschwemmungssitu- ationen bestehen. Wie oben bereits ausgeführt kommen die Raupen im Überwinterungsgespinst wohl besser damit zurecht als solche im fortge- schrittenen Entwicklungsstadium. Inwieweit die zunehmend milden Winter die Raupen beeinflus- sen, ist nicht geklärt. Nach bisherigen Erkennt- nissen scheint dies aber weniger problematisch zu sein als die zunehmende Trockenheit. Para- doxerweise führt die Klimaerwärmung, mit dem daraus resultierenden früheren Beginn der Ve- getationsperiode, zur Zunahme der Problematik durch Frostschäden an Esche. Frostschäden an den Eschen im Habitat sind aus vielen Jahren bekannt und völlig normal. Allerdings rücken die se zeitlich verstärkt an die Flugzeit der Falter heran. In den Jahren 2011 und 2020 starb der größte Teil des jungen Eschenlaubes durch Spät- fröste ab. Im Jahr 2020 geschah dies nur wenige Tage vor Beginn der Flugzeit. Die Folge war eine starke Konzentration der Eigelege auf die weni- gen Eschen mit intaktem Laub. Wie bereits oben beschrieben fielen in jenem Jahr ungewöhnlich viele Eigelege von den nachtreibenden Eschen- blättern ab. 4.2 Eschentriebsterben Das Eschentriebsterben wird durch den Pilz Hymenoscyphus fraxineus verursacht. Ausge- löst wird die Krankheit durch eine Nebenfrucht- form ( Chalara fraxinea ) des Pilzes. Werden die Laubblätter der Esche im Sommer durch die Pilzsporen infiziert, bilden sich Blattnekrosen. Der Baum reagiert mit Blattabwurf. ImVerlauf der Krankheit kommt es zu Rindennekrosen, zum Absterben einzelner Triebe, zu Stammnekrosen und letztlich zum Absterben des Baumes. Ein geringer Prozentsatz der Eschen scheint eine gewisse Resistenz gegenüber der Krankheit zu haben ( O ffenberger 2017, E nderle et al. 2019). Das Eschentriebsterben wurde vom Autor erst- malig Ende der 2000er-Jahre im Habitat in der Kocher-Jagst-Region festgestellt. Im Jahr 2011 waren bereits an der Mehrzahl der Eschen deut- liche Schäden zu sehen. Die meisten Eschen trieben in den Folgejah- ren wieder aus, sodass dies zunächst keinen Gefährdungsfaktor für die Population darstellte. Da das Eschentriebsterben jedoch zunehmend fortschreitet, stellt dies neben der Trockenheit den zweiten wichtigen Gefährdungsgrund für die Art dar. Die Zahl vitaler Eschen hat in den letz- ten Jahren deutlich abgenommen. Speziell sol- che Eschen, die für E . maturna mikroklimatisch günstig stehen (feuchte Stellen), sind besonders stark von der Krankheit betroffen. Eschen, die nur leichte bis mittlere Anzeichen zeigen, wer- den von den Weibchen weiterhin für die Eiablage genutzt. Mit Fortschreiten der Krankheit verlieren die Eschen zunehmend ihre Eignung. Besonders Stangenhölzer und Alteschen entwickeln häufig im fortgeschrittenen Krankheitsverlauf auf den Trieben aufsitzende Blattrosetten. In diesem Sta- dium sind die Bäume kaum noch für E . maturna geeignet.
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