Gefäßpflanzen, Moose und Flechten

Offenhaltungsversuche des Landes Baden-Württemberg

Landnutzung und Landwirtschaft unterliegen verschiedenen gestaltenden Parametern, wie sie etwa aus Wirtschaft, Gesellschaft, Technik wirksam werden. Wieviel Fläche für welche Nutzung verwendet wird, ist daher von vielen Faktoren abhängig und unterlag auch historisch großen Schwankungen. Als jedoch im Lauf der 1950er bis 1970er Jahre gerade viele kleinere landwirtschaftliche Betriebe aufgaben, fiel ein großer Flächenanteil brach und blieb unbearbeitet. Im Zuge der einsetzenden Sukzession siedeln sich auf solchen Brachflächen zunehmend höherwüchsige Kräuter, Stauden und zuletzt auch Gehölze an, so dass die erneute landwirtschaftliche Nutzung zunehmend aufwändigerer Vorarbeiten bedarf. Vor diesem Hintergrund beschäftigen sich die Offenhaltungsversuche mit der Fragestellung, wie Grünland mit möglichst geringem (finanziellem, personellem und technischem) Aufwand als solches erhalten werden kann. An 14 Standorten in Baden-Württemberg werden die Pflegemaßnahmen Beweidung (ursprüngliche Nutzungsform) sowie Mahd, Mulchen und Kontrolliertes Brennen (alternative Nutzungsformen) in ihrer Wirkung verglichen. Als Referenz dienen Sukzessionsparzellen. Die Ergebnisse werden hinsichtlich naturschutzfachlicher und landwirtschaftlicher Belange ausgewertet, darauf basierend werden Empfehlungen für die Praxis gegeben.

Weitere Informationen zum Thema bietet die LEL Baden-Württemberg, die die Versuche federführend betreut: http://www.lel-bw.de/pb/,Lde/Startseite/Unsere+Themen/Offenhaltung+der+Landschaft

 

Stadtvegetation

Städte sind anders als das Land um sie herum – was jedem augenscheinlich einleuchtet, hat bei genauerer Betrachtung eine Vielzahl an Facetten. An Facetten aus so unterschiedlichen Bereichen wie Städtebau und Infrastruktur, Ressourcennutzung und -gewinnung, Klima und Wetter, und vielen mehr. Für die botanische Forschung stellen Städte interessante Sonderflächen dar, da sie sehr spezifische Standortstypen und Nischen bieten. Dies reicht von naturnah angelegten Parkanlagen über geschotterte Wegränder und begrünte Dächer bis hin zur Pflasterfuge (vgl. Priemetzhofer & Berger 2001). Allein schon aufgrund der intensiven Verkehrsanbindung finden sich die ersten Vorkommen von neu angekommenen Neophyten nicht selten in Städten. So ergibt sich ein »Cocktail« aus einheimischen Arten und solchen, die bewusst angepflanzt oder unbeabsichtigt eingeschleppt wurden und werden. Der Vergleich von Städten untereinander sowie von Städten mit ihrem jeweiligen Umland bietet daher Ansatzpunkte für die Standortökologie, Chorologie, Populationsbiologie und weitere Felder.

Priemetzhofer, F. & Berger, F. (2001): Flechten in Pflasterritzen – ein bemerkenswerter, mit Füßen getretener Sonderstandort. – Beitr. Naturk. Oberösterreichs 10: 355-369

 

Zeigerwerte und funktionelle Merkmale

Warum hat eigentlich das Mammutblatt so große Blätter, das Gänseblümchen aber so kleine? Warum gibt es weiße, gelbe, rote und blaue Blüten? Warum sitzt die Seerose im Wasser und die Mistel auf Bäumen? – Manche Zusammenhänge leuchten bereits einem Kind ein, z. B. die Windausbreitung beim Löwenzahn. Was aber gefiederte Blätter, trichterförmige Blüten, harzartige Ausscheidungen, papierartige Rinde, unterirdische Ausläufer oder stachelige Pollenkörner so besonders macht, erschließt sich oft erst bei genauerer Untersuchung dieser Merkmale selbst sowie ihrer anatomischen, physiologischen bzw. ökologischen Zusammenhänge. Mit ökologischen Zeigerwerten, wie sie von Heinz Ellenberg und Elias Landolt erarbeitet wurden, wird zudem eine Einstufung und Charakterisierung von Arten und Pflanzengemeinschaften möglich; damit können Einflussgrößen wie Temperatur, Nährstoffgehalt oder Substratoffenheit für Vergleiche herangezogen werden. Sowohl Zeigerwerte als auch funktionelle Merkmale stellen damit eine wichtige Basis dar: einerseits für die Grundlagenforschung, andererseits aber auch für die Praxis in Naturschutz, Land- und Forstwirtschaft, Umweltplanung u. ä., da sie Aussagen zur Standortswahl, zur Bioindikation, zur geeigneten Flächenpflege, oder auch zur Gefährdungsanalyse erlauben.

 

Pflanze und Vegetation

Wie bei einem Baukasten aus Spielsteinchen ein Modellauto oder eine Ritterburg entsteht, so setzt sich die Vegetation, das uns umgebende »Pflanzenkleid«, aus Pflanzenarten und -individuen als Bausteinen zusammen – allerdings ohne eindeutige Steck- oder Schraubverbindungen. Die Verbindungen werden hier vielmehr gebildet durch Ökologie, menschlichen Einfluss, Geologie, Klima und dergleichen, wie sie aktuell und historisch auf die Arten und ihre Standorte einwirk(t)en. Und so muss in der Vegetationskunde zweierlei bedacht werden: erstens, die Pflanzenarten, ihre Verbreitung und Ansprüche kennenzulernen; und zweitens, aus den Arten und ihren Ansprüchen in der Gesamtheit die Vegetation zu verstehen.

Zum ersten Bereich lässt sich sagen: »Man liebt nur, was man kennt, und man schützt nur, was man liebt.« Dieses Motto von Konrad Lorenz ist ein universelles Prinzip von der Artenkunde bis zum angewandten Naturschutz. Bestimmungsbücher und Feldfloren sind unerlässlich, will man in die botanische Artenkunde eintauchen. Doch was ist noch besser, als »nur« die Arten kennenzulernen? Eine Antwort darauf mag sein: Zusätzlich auch Informationen zur Ökologie der Arten, ihren kennzeichnenden Merkmalen sowie ihrer Einbindung in die Vegetation zu erhalten. Doch ist natürlich unsere Umwelt – glücklicher Weise – nicht so starr, als dass man sie mit einem Schlag zu fassen bekäme. Pflanzenarten kommen neu nach Mitteleuropa (als Wanderer oder mit dem Menschen), neue Arten werden beschrieben, neue ökologische Zusammenhänge und Systeme werden gefunden. Und so lassen sich Exkursionsfloren auch weiterhin verbessern, ausbauen und ergänzen.

In Ergänzung dieses ersten Bereiches geht es im zweiten daran, die Verbindungen zwischen den Bausteinen herauszuarbeiten. Bei ausreichend ähnlichen Umweltverhältnissen bilden sich, vergleichbare historische und anthropogene Einwirkungen vorausgesetzt, ähnliche Pflanzengemeinschaften heraus, die als Gesellschaften beschrieben werden können. Einzelpflanzen und Pflanzengemeinschaften besiedeln bestimmte Biotope und Lebensräume, deren Typen sich anhand der wirksamen Faktoren definieren lassen. Basierend auf diesen Biotop‑/Lebensraumtypen und Artengemeinschaften kann so Vegetation verstanden und beschrieben werden.

Beim Werden und Vergehen von Artengemeinschaften quasi »live« zusehen können wir mittels der Sukzessionsforschung. Dort, wo durch natürliche oder anthropogene Ereignisse z. B. Offenboden, verletzte Baumrinde oder frische Felsoberfläche (… oder auch Betonoberfläche!) geschaffen wurde, stellen sich nach und nach erste Besiedler ein und werden auch wieder verdrängt durch nachfolgende Arten. Die Sukzessionsforschung beschäftigt sich mit den zugrunde liegenden Prozessen und Abfolgen sowie mit der Artzugehörigkeit und den Eigenschaften der »Mitspieler«.

Fläche St. Johann der Offenhaltungsversuche, im Hintergrund die bewaldete Sukzessionsparzelle
Fläche St. Johann der Offenhaltungsversuche
Pflanzen in der Stadt, hier Mariendistel und Klettenkerbel an einer Hausmauer
Pflanzen in der Stadt
Weiße Blüten und diese in Trauben: Analogie zwischen Flieder und Ross-Kastanie
Weiße Blüten und diese in Trauben, zwei Arten
Manche Arten bieten auffällige Merkmale, hier die dunkelroten Blüten des Sumpf-Blutauges, Comarum palustre
Dunkelrote Blüten des Sumpf-Blutauges