Sondervitrine – ans Licht gebracht

In unseren Ausstellungen zeigen wir viele Exponate. Doch sie sind nur die berühmte Spitze des Eisberges, denn der Großteil der Millionen von Sammlungsobjekten des Museums dient vorrangig der Forschung und wird in unseren Magazinen sicher verwahrt. Sie sind aber jederzeit für Wissenschaftler zugänglich und viele Objekte können auch zu Forschungs-, Lehr oder Ausstellungszwecken entliehen werden.
Da wir aber nicht alle unsere Schätze in den Ausstellungen präsentieren können, bringen wir im vierteljährlichen Wechsel ausgewählte Tiere, Gesteine, Fossilien oder Mineralien aus den Magazinen für Sie ans Tageslicht und präsentieren sie in einer Sondervitrine. Dazu erklären wir, woher sie stammen, was sie kennzeichnet und welche Bedeutung sie für unsere Sammlungen haben.

Die aktuelle Sondervitrine finden Sie in der Nähe des Museumsshops.

Sammlungsstück „Efringer Einhorn“, Foto: SMNK
Sammlungsstück „Efringer Einhorn“, Foto: SMNK
Kupferstich auf der Banderole des „Efringer Einhorns“, Foto: SMNK
Kupferstich auf der Banderole des „Efringer Einhorns“, Foto: SMNK
Römisches Mosaik mit Darstellung eines Panzernashorns, um 210 n. Chr., Villa del Casale, Sizilien, © Von Urban, using Canon Powershot A80 - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1111778
Römisches Mosaik mit Darstellung eines Panzernashorns, um 210 n. Chr., Villa del Casale, Sizilien
Rhinocerus, Albrecht Dürer, 1515
Rhinocerus, Albrecht Dürer, 1515
Gobelin des sechsteiligen Millefleurs-Wandbehang „Dame mit dem Einhorn“, Ende 15. Jh., Musée national du Moyen Âge, Paris
Gobelin des sechsteiligen Millefleurs-Wandbehang „Dame mit dem Einhorn“, Ende 15. Jh., Musée national du Moyen Âge, Paris
Mitteltafel des Erfurter Einhornaltars, Anfang 15. Jh., Mariendom Erfurt
Mitteltafel des Erfurter Einhornaltars, Anfang 15. Jh., Mariendom Erfurt

Oktober bis Dezember 2019

Das Efringer Einhorn
„Unicornu fossile“

Banderolen mit kunstvoll gestalteten Kupferstichen und rote Seidenbänder umschlingen das „Unicornu fossile“, das „ausgegrabene Einhorn“. Es ist 35 cm lang, armdick und leicht gebogen. 1752 kam es in das badisch-markgräfliche Naturalienkabinett und ist somit eines der ältesten Stücke unserer Sammlungen.

Mit einem Schreiben vom 3. Februar 1751 wurde dem Markgrafen Karl Friedrich von einem interessanten Fund berichtet: Nach einem starken Platzregen fand der Küfer Hans Jakob Estlinbaum am Fuße eines Berges bei Efringen oberhalb einer Mühle etwas, das „fast wie ein Pferd gestaltet war“ (1). Aus Neugier grub er tiefer und „entdeckte ein Horn, das in den Berg hineinging, ungefähr 4 Schuh lang und eines starken Mannes Arm dick; hinter demselben, etwas tiefer, lagen große Zähne […], nahe dabei waren verschiedene Knochen […]. Das Horn selbst wurde in Stücke zerbrochen verteilt und hin und wieder verkauft und verschenkt.“ Daraufhin ordnete der Markgraf an, „die noch vorhandenen Stücke [am Hofe] untertänigst einzuliefern.“ Der Landvogt aus Lörrach schrieb am 21. Februar 1752, dass „die Bauern das meiste davon schon zuvor nach Basel in die Apotheken verkauft hatten.“ Es wurde am 24. Februar 1752 vom Markgraf angeordnet, die „noch zur Hand zu bringen gewesenen Stücke“ des Efringer Einhorns an den Hof zu liefern: die „kuriosesten“ Stücke zur Verwahrung in das Naturalienkabinett, eines in die Hofapotheke und den Rest in die Hofbibliothek. Allerdings ist nicht gesichert, dass unser Sammlungsstück auch wirklich vom Efringer Fund stammt. Recherchen zufolge erhielt es die Markgräfin Caroline Luise zu dieser Zeit von einem Straßburger Apotheker.

Bis ins 18. Jahrhundert hinein wurden in Apotheken die zermahlenen „Hörner“ von Einhörnern verkauft. Das „Einhornpulver“ galt als unfehlbares Heilmittel gegen Gift, Biss- und Stichwunden, gegen Pest und Fieber sowie zur Erhaltung und Kräftigung der männlichen Potenz (1). Professionelle „Beingraber“ suchten in Höhlen nach Einhornresten, die sie an Apotheken verkauften (2). Das verarbeitete „Einhornpulver“ wurde zur Blütezeit mit dem Zehnfachen an Gold aufgewogen, wobei nur das Unicornu verum, das „wahre Einhorn“ diese Preise erzielte (1). Ein lukratives Geschäft für viele Apotheken, die sich danach benannten. Die Durlacher Einhorn-Apotheke schloss im Jahr 2006 (3).

Doch was hat es mit den Einhörnern auf sich?
Der Einhorn-Glaube stammt wohl aus dem Orient und gelangte über die Gelehrten der Antike und des Mittelalters allmählich in den europäischen Volksglauben. Plinius der Jüngere (um 100 n. Chr.) beschreibt das Einhorn als seltsam, mit dem Leib eines Pferdes, dem Schwanz eines Schweines, dem Kopf eines Hirsches und den Füßen eines Elefanten (2). Zu dieser Beschreibung passt ein tatsächlich existierendes und zu dieser Zeit in Europa unbekanntes Tier: das Indische Panzernashorn Rhinoceros unicornis!
Unser Sammlungsstück zeigt auf der Rückseite der Banderolen allerdings Kupferstiche eines pferdeähnlichen Wesens mit einem einzelnen, gedrehten Horn auf der Stirn, gespaltenen Hufen und einem Ziegenbart. Diese Darstellung von Einhörnern war seit dem 15. Jahrhundert üblich und basiert auf den Schilderungen Ktesias, dem Leibarzt des Perserkönigs Artaxerxes II (um 400 v. Chr.) (2). Grundlage hierfür könnten Oryx- oder Rappenantilopen mit einem abgebrochenen Horn gewesen sein.

Wie auch immer der Einhorn-Glaube entstand, bei unserem Unicornu fossile handelte es sich eindeutig um den fossilen Stoßzahn eines Wollhaarmammuts. Diese Elefanten durchstreiften Eurasien und Nordamerika bis zum Ende der letzten Kaltzeit vor ca. 10.000 Jahren. Die Mammutstoßzähne galten als Unicornu verum –  im Gegensatz zum Unicornu falsum, dem „falschen Einhorn“. Dessen Heilwirkung ließ wohl zu wünschen übrig, Apotheker behalfen sich aber dennoch oft damit. Unter dieser Bezeichnung wurden die Knochen und Zähne anderer kaltzeitlicher Großsäuger, wie Wollnashorn und Höhlenbär, sowie die gedrehten Stoßzähne von Narwalen gehandelt.

Alles in Allem haben sich wohl die wundersamen Berichte von Orientreisenden mit den realen Fossilfunden kaltzeitlicher Großsäuger zum Volksglauben über Einhörner und Drachen entwickelt und über mehrere Jahrhunderte Einzug in Kunst, Kultur und Alltag der Menschen gehalten.

 

Quellen:

(1) Erwin Jörg (1962). Das Einhorn im Volksglauben. Beitr. Naturk. Forsch. SW-Deutschl., Bd. XXI, Heft 1, S. 3–5.

(2) Othenio Abel (1939). Vorzeitliche Tierreste im Deutschen Mythus, Brauchtum und Volksglauben. Verlag von Gustav Fischer, Jena.

(3) Stadtwiki Karlsruhe: https://ka.stadtwiki.net/Einhorn-Apotheke, aufgerufen am 27.09.2019