Ans Licht gebracht

In unseren Ausstellungen zeigen wir viele Exponate. Doch sie sind nur die berühmte Spitze des Eisberges, denn der Großteil der Millionen von Sammlungsobjekten des Museums dient vorrangig der Forschung und wird in unseren Magazinen sicher verwahrt. Sie sind aber jederzeit für Wissenschaftler zugänglich und viele Objekte können auch zu Forschungs-, Lehr oder Ausstellungszwecken entliehen werden.
Da wir aber nicht alle unsere Schätze in den Ausstellungen präsentieren können, bringen wir im vierteljährlichen Wechsel ausgewählte Tiere, Gesteine, Fossilien oder Mineralien aus den Magazinen für Sie ans Tageslicht und präsentieren sie in einer Sondervitrine. Dazu erklären wir, woher sie stammen, was sie kennzeichnet und welche Bedeutung sie für unsere Sammlungen haben.

Das aktuelle Objekt finden Sie in einer Sondervitrine in der Nähe unseres Museumsshops.


April bis Juni 2019

Flora Badensis Alsatica
Ein Pionierwerk mit bewegter Geschichte

Flora Badensis Alsatica et confinium regionum cis et transrhenana
plantas a lacu Bodamico usque ad confluentem Mosellae et Rheni sponte nascentes
exhibens secundum systema sexuale cum iconibus ad naturam delineates

„Flora von Baden, Elsass und der Grenzregion dies- und jenseits des Rheins
Pflanzen vom Bodensee bis zur Moselmündung und zum Rheinursprung
Dargestellt gemäß dem Systema sexuale mit naturgetreuen Zeichnungen“

So lautet der vollständige Name der „Flora Badensis Alsatica“, die gänzlich in lateinischer Sprache verfasst wurde. Das Pionierwerk der Botanik, verfasst vom ersten Direktor des Naturkundemuseums, Carl Christian Gmelin, hat eine bewegte Geschichte:

Der erst 20-jährige Carl Christian Gmelin reiste im Jahr 1782 nach Karlsruhe und wurde am Hof von Markgraf Karl Friedrich und der Markgräfin Karoline Luise empfangen. Vor allem Karoline Luise war naturkundlich interessiert und bewandert. Sie unterhielt ein Naturalienkabinett mit zahlreichen naturkundlichen Objekten und stand mit Naturforschern wie Carl von Linné im Austausch. Sie fand Gefallen an dem begeisterten jungen Botaniker, und so beauftragten die Hoheiten Gmelin, eine „Flora“, also ein botanisches Lehrbuch nach dem Systema sexuale von Linné zu erstellen. Alle bisherigen Werke erschienen Karoline Luise als unzureichend. Bei diesem Besuch wurden dem jungen Mediziner und Naturforscher auch die Leitung der botanischen Gärten sowie des Naturalienkabinetts, aus dem später das Naturkundemuseum hervorging, in Aussicht gestellt.

Nach Abschluss seiner Studien mit dem Doktorgrad und der Zulassung als praktischer Arzt nahm Gmelin Ende 1785 seine Tätigkeiten in Karlsruhe auf und erhielt zudem eine Anstellung als Professor am markgräflichen Lyzeum.

Gmelin war zunächst hauptsächlich damit beschäftigt, die von ihm als „Gemüsgarten“ beschimpften Hofgärten zu botanischen Gärten zu erweitern. Hierzu unternahm er Reisen in verschiedene botanische Gärten Frankreichs und Spaniens. In den ersten vier Jahren seiner Tätigkeit verdreifachte er bereits die Pflanzenarten in den Hofgärten.
Zudem machte er sich zur Aufgabe, das Naturalienkabinett der inzwischen verstorbenen Karoline Luise zu ordnen, zu katalogisieren und zu erweitern. Während der Kriegsunruhen der Französischen Revolution in den 1790er Jahren lagerte er unter anderem die Objekte des Naturalienkabinetts nach Ansbach aus, um sie vor französischen Überfällen und Plünderungen zu schützen.

In zahlreichen botanischen Exkursionen und Wanderungen bestimmte und dokumentierte Gmelin akribisch genau die Pflanzenwelt beiderseits des Oberrheins. Die ersten drei Bände der „Flora Badensis Alsatica“ erschienen in den Jahren 1805, 1806 und 1808. Nach dem Tode des Markgrafen Karl Friedrich wurden Gmelins Gesuche um Finanzierung weiterer botanischer Reisen zur Komplettierung seines Werks häufig abgelehnt, so dass die „Flora Badensis Alsatica“ erst im Jahr 1826 zu einem vorläufigen Abschluss kommen konnte. Die geplanten drei weiteren Bände über Sporenpflanzen lagen bei Gmelins Tod 1837 zwar vollständig, aber nur als Manuskript vor. Sie gingen nicht mehr in den Druck.

Zeitgenössische Fachzeitschriften beschrieben die „Flora Badensis Alsatica“ als Pionierleistung auf dem Gebiet der Botanik, als eines der umfassendsten Werke von ganz Deutschland, das alles Bisherige übertreffe1. Und auch heute noch lohnt sich ein Blick hinein. Nicht nur wegen der genauen Artbeschreibungen, der schönen handkolorierten Zeichnungen oder der altertümlich anmutenden Pflanzennamen wie „Hanfwürger“, „Gottesgnade“ und „Lämmer-Salat“, sondern weil viele der beschriebenen Arten inzwischen verschwunden sind und sich so ein Nachweis früherer Vorkommen führen lässt.

Gmelin verfasste zahlreiche weitere naturkundliche Schriften. In seinem Werk „Über den Einfluss der Naturwissenschaft auf das gesammte Staatswohl“ von 1809 beschrieb er unter anderem, wie Wein- und Ackerbau zu verbessern und Holz einzusparen sei, und wo im Großherzogtum Baden größere Steinsalzvorkommen zu finden seien2.

Mit dem Dichter und Kollegen am Gymnasium Johann Peter Hebel verband Gmelin eine tiefe Freundschaft. Mit ihm erklomm er zahlreiche Berge, um sie botanisch zu untersuchen – wenngleich Hebel nicht immer mit der gleichen Leidenschaft die Anstrengungen auf sich nahm. Wenn wieder einmal das spezielle Pflänzchen auf dem Gipfel nicht gefunden wurde, seufzte Hebel mit erstickter Stimme: „Abermals vergebens geschwitzt!“1. Doch für Gmelin war auch die Erkenntnis, dass die Pflanze hier nicht wächst, ein großer Gewinn.
Hebel verewigte seinen guten Freund in zahlreichen seiner Gedichte. Er taucht als „Schlangen­fänger“, „Steindoctor“ und Kräutermann („Chrüterma vo Badewiler“) auf1.
Johann Wolfgang von Goethe traf 1815 das amüsante Gespann Hebel & Gmelin, erhielt eine Führung im Naturalienkabinett, verbrachte einen ganzen Morgen im Botanischen Garten, sowie einen geselligen Abend im Hause Gmelin3. Sowohl er als auch sein Begleiter Sulpiz Boisserée berichten voll Wohlgefallen über diese Zusammenkunft.

Über 50 Jahre lang leitete Carl Christian Gmelin das Naturalienkabinett und die Botanischen Gärten. Er war ein ernsthafter, fleißiger Charakter, der seine Vorträge aber auch mit launigen Bemerkungen würzte. Er war geradlinig und unerschrocken, sein freies Urteil auch gegenüber den markgräflichen Hoheiten zu vertreten1. Im Jahr seines Todes 1837 wurde sein Schüler Dr. Alexander Braun der neue Direktor des Naturalienkabinetts, das bereits seit 1831 für die Öffentlichkeit zugänglich war und aus dem das Naturkundemuseum Karlsruhe hervorging. Es zählt somit zu den ältesten für alle Bürgerinnen und Bürger zugänglichen naturkundlichen Museen Deutschlands.

 

Weiterführende Links:

Flora Badensis Alsatica, Carl Christian Gmelin, 1805-1826 (Digitalisat)
https://www.e-rara.ch/zut/wihibe/content/titleinfo/11613686

 

1Flora  16, C. F. Vierordt, Biographische Notiz über Carl Christian Gmelin, 1839

https://books.google.de/books?id=Av9AAQAAMAAJ&pg=RA3-PA241&lpg=RA3-PA241&dq=flora+nr.+16+biographische+notiz+karl+christian+gmelin&source=bl&ots=O1_1yKn5U_&sig=ACfU3U1TVsXScOajQH0Htrkyn9G9Y7MXdw&hl=de&sa=X&ved=2ahUKEwit1Pmjn_DgAhUC16QKHbqHAKkQ6AEwBXoECAMQAQ#v=onepage&q=flora%20nr.%2016%20biographische%20notiz%20karl%20christian%20gmelin&f=false

 

2Einfluss der Naturwissenschaft auf das gesammte Staatswohl, Carl Christian Gmelin, 1809 (Digitalisat)
https://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb10075744_00005.html

 

 

3Mit Goethe am Oberrhein, Baden, Kurpfalz, Schweiz von W. E. Oestering, Elsaß von G. Richter, 1981 (Leseprobe google ebook; besonders Seiten 255, 262 f.)

https://books.google.de/books?id=xojSBgAAQBAJ&pg=PA14&lpg=PA14&dq=goethe+am+oberrhein&source=bl&ots=b95nHcejpK&sig=ACfU3U1LQkyjBiGs__wD1KJzc8lpLl_PoQ&hl=de&sa=X&ved=2ahUKEwjTq8OXoPDgAhXR0KQKHQDDDZAQ6AEwBHoECAAQAQ#v=onepage&q=Karl%20Christian%20Gmelin&f=false

 

Fotos der „Flora Badensis Alsatica“