Carolinea 77

114 Carolinea 77 (2019) 4.5 Myrmekophilie Plebejus argus ist eine von nur zwei Bläulings- arten in Mitteleuropa (neben P. idas ), die eine obligatorische mutualistische (nicht-parasitische) Beziehung mit Ameisen (nach F iedler 1991) ein- geht. Anders als bei den fakultativ myrmekophilen Arten (wie z.B. G. alexis und P. thersites ) werden die Raupen nie ohne Ameisenbegleitung ange- troffen, und es besteht eine ausgeprägte Wirts- spezifität. Im NSG Gipsbruch Kirchbühl wurden zu zwei verschiedenen Zeitpunkten insgesamt zwölf er- wachsene Raupen des letzten (fünften) Lar- venstadiums (alle in der braunen Form) in der Abenddämmerung an Gewöhnlichem Hornklee beobachtet, welche mit Ameisen der Art Lasius niger vergesellschaftet waren (Tab. 8, Abb. 33). Später konnte auch eine Puppe durch gezielte Nachsuche aus den oberflächennahen Galerien eines Nestes von L. niger geborgen werden (Abb. 34; vgl. auch P ontin 1990). Zum Nachweis der Dämmerungs- und Nachtaktivität wurden die Fundstellen der Raupen jeweils am nächsten Morgen erneut aufgesucht, wobei nur einmal ein Exemplar zu sehen war. Dies ist als starker Hinweis darauf zu werten, dass die Raupen sich tagsüber verbergen und erst abends an die Nah- rungspflanzen begeben. In der Literatur gibt es Indizien für eine Tagaktivität der Raupen in mon- tanen Habitaten und bei regnerischem Wetter (SBN 1987, E bert & R ennwald 1991). Vermutlich ist der Aktivitätszyklus der Raupen auf den der Wirtsameisen abgestimmt, welcher sich durch äußere Einflüsse verschieben kann. Auffallend war im NSG Gipsbruch Kirchbühl die Tatsache, dass relativ viele Raupen von P. argus auf einer vergleichsweise kleinen Fläche zu finden waren. Offenbar zielt die evolutive Strategie ab auf lo- kal sehr große Raupendichten mit hoher Über- lebensrate, bedingt durch die enge Bindung an den Ameisenpartner. Die obligat myrmekophile Lebensweise dieser Bläulingsart wurde somit für die Jagst-Kocher- Region eindeutig belegt. Zuvor war auch für das angrenzende Tauberland der unmittelbare Nachweis von L. niger als Wirtsart gelungen ( S anetra et al. 2015). Die bisherigen Angaben aus Mitteleuropa (zusammengefasst in F iedler 2006 und N unner 2013b) nennen stets L. niger als Wirtsart von P. argus in trockeneren Habi- taten, sowie L. platythorax in Feuchtlebens- räumen (v.a. voralpine Hoch- und Übergangs- moore, mit Besenheide als Wirtspflanze). Eine Einzelmeldung von L. alienus aus den Alpen be- darf der Bestätigung. Das Fehlen von P. argus in den Magerrasen-Biotopen der Trockenhänge von Tauberland und Kocher-Jagst-Ebenen legt nahe, dass die dort sehr häufige Art L. alienus in aller Regel nicht als Wirt fungieren kann. Für eine isolierte Lokalpopulation in Wales ist L. ali­ enus allerdings als einzige Wirtsart gemeldet worden ( T homas 1985, J ordano & T homas 1992). Für Südeuropa werden weitere Lasius -Arten in der Literatur genannt ( R odríguez et al. 1991, L afranchis & K an 2012). Die Beobachtungen auf der Hohenloher-Haller- Ebene und im Tauberland (diese Studie, S anetra et al. 2015) deuten zusammen mit Literaturanga­ ben darauf hin, dass sich der gesamte Lebenszy- klus von P. argus in den Ameisennestern abspielt und die Raupen nur zum Fressen an die Pflan- zen gelangen. Der Zyklus beinhaltet, dass die Weibchen ihre Eier in der Umgebung der Nester ihrer Wirtsameise platzieren (vgl. J utzeler 1989), was als ameisenabhängige Eiablage bezeichnet werden kann. Die frisch geschlüpften Eiraupen müssen dann von den Ameisen in die Nester ein- getragen werden, wie dies von J ordano & T homas ( 1992) gezeigt wurde. Diese Autoren konnten im Freilandexperiment in Wales das Eintragen aller Larvenstadien in die Nester von L. alienus doku- mentieren. Auch bei einer Freilandbeobachtung in der Schweiz wurde gesehen, wie mehrere an der Basis ihrer Nahrungspflanzen sitzende Raupen nach einer Störung von den Ameisen in das Nest hineingezogen wurden (SBN 1987). In einem Freilandexperiment im Tauberland krochen vorher gezüchtete Raupen aktiv in die Nesthügel von L. niger , auf denen sie platziert worden waren ( S anetra et al. 2015). Eine wich- Tabelle 8. Raupen- und Puppenfunde und begleitende Ameisenarten bei Plebejus argus im Naturraum Hohenloher- Haller-Ebene. Lokalität Wirtspflanze Ameisenassoziation Anzahl, Stadium Datum NSG Gipsbruch Kirchbühl L. corniculatus Lasius niger 7 Raupen L 5 08.05.2018 NSG Gipsbruch Kirchbühl L. corniculatus Lasius niger 5 Raupen L 5 23.05.2019 NSG Gipsbruch Kirchbühl – Lasius niger (Nestbereich) 1 Puppe 07.06.2019

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