Carolinea 77

G üsten et al.: Bläulinge in der Jagst-Kocher-Region: Verbreitung, Ökologie, Schutz 137 der Art in der stark genutzten Kulturlandschaft ist nur noch gering, ihr Gefährdungsgrad wird vermutlich unterschätzt (Rote Liste Baden-Würt­ temberg, E bert et al. 2005: Art der Vorwarnliste). Insbesondere besteht innerhalb des kleinen Teil­ areals auf der Hohenloher-Haller-Ebene kein ausgeprägter Biotopverbund (s. Kap. 4.1). Au- ßerdem bewohnen selbst individuenreiche Po- pulationen in dieser Region wesentlich kleinere Flächen als z.B. im benachbarten Tauberland. Die angezeigten Pflegeregime reichen von sehr sporadischer Gehölzpflege an Rohboden-Stand- orten (wie im NSG Gipsbruch Kirchbühl) über extensive Beweidung zu höchstens einmaliger jährlicher Mahd. Die sporadische Beweidung der Grünlandflächen im NSG Gipsbruch Kirch- bühl zeigt sich als für die Art günstig (Abb. 68). Innerhalb des Vorkommensgebiets von P. argus im Naturraum Hohenloher-Haller-Ebene sollte die Etablierung neuer Populationen durch ent- sprechende Extensivierungsmaßnahmen bei der Grünlandnutzung angestrebt werden. 10.3 Lebensräume feuchter Standorte Die untersuchten Arten L. dispar , P. teleius und P. nausithous bewohnen durch höhere Feuchtig- keit geprägte Biotoptypen sowohl in den Flusstä- lern der Jagst-Kocher-Region als auch in größe- ren Höhenlagen der Schwäbisch-Fränkischen Waldberge. Hier kommen sie auf meso- bis hy­ grophilem Grünland unterschiedlicher Ausprä- gung vor, welches in vielen Fällen einer inten- siven landwirtschaftlichen Nutzung unterliegt. Während die Wiesenknopf-Ameisenbläulinge wechselfeuchte Wiesenknopf-Silauwiesen be- vorzugen, wachsen die Raupen von L. dispar überwiegend auf stickstoffreichen, meist inten- siv genutzten Mähwiesen und -weiden auf. Da- bei benötigt der Große Wiesenknopf wesent- lich magerere Standorte als beispielsweise der Stumpfblättrige Ampfer. Düngung, Mulchen und Beweidung ergeben häufig für die Ampfer-Arten geeignete Flächen, während der Wiesenknopf nach relativ kurzer Zeit stark zurückgeht oder verschwindet. Die weitgehende Abhängigkeit dieser Bläulingsarten von mehrschürigen Wie- sen bedeutet eine besondere Herausforderung für den Artenschutz. Die Naturschutzbehörden bauen dabei auf den Vertragsnaturschutz im Rahmen der Landschaftspflegerichtlinie (LPR). Landwirte verpflichten sich freiwillig vertraglich zur Nutzung bestimmter Flächen in einer artge- rechten Bewirtschaftungsform und erhalten dafür Zuschüsse. Die Ergebnisse der Kartierung zeigen, dass L. dispar die schon viele Jahre zurückliegende Arealerweiterung entlang von Jagst und Kocher aufrechterhalten konnte. Dennoch tritt die Art nur in geringer Dichte auf und ist durch die intensive Grünlandnutzung in den Flussauen bedroht, wo sich der größte Teil ihrer Reproduktionshabitate befindet. Somit ist der Fortbestand von L. dispar von diesen Flächen abhängig. Die Entwicklung kann nur erfolgreich abgeschlossen werden, wenn die Raupen zwischen zwei Mahden ge- nügend Zeit für ihre Entwicklung haben, daher können sich bei mehr als zwei Schnitten wohl nur ausnahmsweise Falter entwickeln. Auf zweischü- rigen Wiesen besteht eine Abhängigkeit von den Mahdzeitpunkten. So wurden in dieser Studie an zwei Lokalitäten am 25.6.2019 über 50 Eier markiert, um dort später nach den erwachse- nen Raupen zu suchen. Etwa vier Wochen spä- ter hatte auf beiden Wiesen bereits die nächste Mahd stattgefunden und die meisten Raupen waren wahrscheinlich vernichtet worden. Das Überleben der Art beruht auf der großen Zahl unterschiedlich bewirtschafteter Flächen, von denen stets einige den Abschluss der Larval- entwicklung erlauben. Weitere Intensivierung mit Düngung und Erhöhung der Anzahl der jähr- lichen Schnitte droht die Menge der geeigneten Habitate in Zukunft zu senken. Die Anzahl der ein- bis zweischürigenWiesen mit angepassten Mahdzeitpunkten durch Abschluss von LPR-Verträgen sollte in der Jagst-Kocher- Region unbedingt erhöht werden. Für L. dispar wäre ein Schwerpunkt auf solche Flächen zu le- gen, auf denen in Gutachten und Literaturquellen eine hohe Dichte an Eiern nachgewiesen wurde. Besonders erhaltenswert sind Sonderstandorte abseits der Flusstäler mit oft überdurchschnitt- licher Reproduktionsrate an Krausem Ampfer. Im NSG Gipsbruch Kirchbühl bewährt sich eine extensive Schafbeweidung (Abb. 68), während im Bereich des Solarparks am Stettenring Erhal- tungsmaßnahmen wahrscheinlich bereits zu spät kommen (s. Kap. 7.4). Außerdem sind Schutz- maßnahmen für die sehr wenigen Lebensräume des Fluss- und Wasser-Ampfers in der Region ins Auge zu fassen. Auf administrativer Seite wird vorgeschlagen, einige für den Erhalt der Art be- sonders bedeutsame Populationen von L. dispar wieder im Artenschutzprogramm Schmetterlinge Baden-Württembergs (ASP) zu berücksichtigen. Einige FFH-MaP der Jagst-Kocher-Region (v.a. Gebiets-Nr. 6622-341, 6825-341, 6924-341 und 6924-342) sollten bezüglich L. dispar überar-

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