Carolinea 78

92 Carolinea 78 (2020) Vermehrungspotenzial einer Blattlaus illustriert. Was tatsächlich in der Natur möglich ist, wird durch das Nahrungsangebot, intraspezifische Konkurrenz, Prädatoren, Parasiten und weitere, auch abiotischen Faktoren limitiert. Entscheidend für r-Strategen ist jedoch, dass gegebenenfalls vorhandene, freie ökologische Valenzen schnell und maximal ausgenutzt werden können. Somit könnte eine Blattlaus mit neun Generatio- nen im Laufe eines Sommers bis zu 13,4 Mio. t Nachkommen hervorbringen! Um sich diese rie- sige Masse besser vorstellen zu können, haben wir sie in der letzten Spalte von Tabelle 4 in die Anzahl Ladungen sehr großer Lastkraftwagen (Lkw, 24-Tonner) umgerechnet (n = 514.244, also ca. 0,5 Mio.). Bei rund 3,1 Mio. in Deutsch- land zugelassenen Lkw (Stand 2019, Annahme: alle Lkw wären 24-Tonner) könnten folglich nicht einmal die Nachkommen von sechs Blattläu- sen gleichzeitig abtransportiert werden. Dem gegenüber steht ein theoretischer Verlust von 1.200 t pro Jahr, die laut der Modellberechnung von T rieb et al. (2018) an den deutschen WEA erschlagen werden. Das entspricht weniger als dem 10.000-sten Teil (1/11.185) der potenziellen Nachkommen einer einzigen Blattlaus. T rieb et al. (2018: 25 “The study aims at raising awareness about wind power generation being one of the possible causes of insect biomass lost in several nature reserve areas in Germa- ny”) zielen darauf ab, „das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass Windkrafterzeugung eine der möglichen Ursachen für den Verlust von Insek- tenbiomasse in Deutschland ist“. Doch T rieb et al. (l.c.) gehen von zwei falschen Axiomen aus: (1) Sie berücksichtigen nicht das Vermehrungs- potenzial von Insekten, siehe das hier gege- bene Beispiel Blattlaus. (2) Es wird angenommen, dass bei Wind die mei- sten Insekten in der Luft seien und die WEA genau dann abzuschalten seien. Genau das Gegenteil von (2) ist aber der Fall, wie unsere Ergebnisse in der vorliegenden Stu- die zeigen. Dem zweiten Vorschlag steht darüber hinaus das wirtschaftliche Interesse für den Be- trieb einer WEA entgegen. An dieser Stelle soll auf die eingangs zitierte Studie von C orten & V eldkamp (2001) zurück- gekommen werden. Der dort beschriebene Lei- stungsverlust von 25 bis 50 % durch Insektenan- haftungen auf den Rotorblättern kann, wie am Schluss ihrer Arbeit erwähnt wird, auch durch Eis- und Staubanhaftungen verursacht werden. Ursachen größerer Insektenansammlungen im Luftraum werden aber immer regional und tem- porär beschränkt sein und auf Gradationen ein- zelner Arten beruhen. Ein Beispiel, wie eine sol- che Massenvermehrung prinzipiell funktionieren kann, liefert obige Blattlaus-Rechnung. Es sind jedoch viele Insekten, nicht nur sich parthenoge- netisch vermehrende, dazu befähigt, sich massiv zu vermehren. Beispielhaft genannt seien die am Oderhaff (Vorpommern) im Sommer beobacht- baren Chironomiden-Schwärme, die dort vor der Dämmerung in beeindruckenden Mengen auftre- ten können. Tabelle 4. Vermehrungspotenzial einer Blattlaus unter folgenden Modellannahmen: Eine Blattlaus wiegt 0,1 mg und kann parthenogenetisch 80 Nachkommen zeugen. Um sich die entstehende Masse bei unlimitierter Vermehrung besser vorstellen zu können, ist sie in der letzten Spalte in die Anzahl Ladungen sehr großer Lastkraftwagen (mit 24 t Ladungskapazität) umgerechnet. P = Parentalgeneration, F n = Filialgeneration. Generation Anzahl Nachkommen Gewicht (t) Millionen t Anzahl Lkw (24 t) P 1 F 1 80 F 2 6.400 F 3 512.000 F 4 40.960.000 F 5 3.276.800.000 0,3 F 6 262.144.000.000 26 1 F 7 20.971.520.000.000 2.097 80 F 8 1.677.721.600.000.000 167.772 0,2 6.428 F 9 134.217.728.000.000.000 13.421.773 13,4 514.244

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