Carolinea 78
T rusch et al .: Nachtaktive Insekten an Windenergieanlagen 93 Neben dem Massenauftreten bestimmter Arten spielt für den Leistungsabfall auch die zeitliche Akkumulation der durch Schlag getöteten Insek- ten an den Rotorflügeln eine Rolle. Bei der regel- mäßigen, gesetzlich vorgeschriebenen Prüfung der Rotorblätter, um Risse und Beschädigungen festzustellen, wird der Insektenschlag nicht routi- nemäßig entfernt. Die einschlägigen Fachfirmen gehen hierzulande nach Reinigung von einer Ertragssteigerung im nur einstelligen Prozent- bereich aus (bis 2 %, vgl. H insch & W estermann 1996), sodass in unseren Regionen von wesent- lich geringeren als den von C orten & V eldkamp (l.c.) beschriebenen Werten auszugehen ist. Aber kann man die hier theoretisch hochgerech- nete Masse der Blattläuse mit den theoretischen 1.200 t von T rieb et al. (2018) in Relation setzen? Ein zweites Beispiel, das die real von einer Fle- dermaus pro Nacht vertilgte Insektenmenge be- rücksichtigt, soll deutlicher werden lassen, wie die von T rieb et al. (l.c.) angegebene Menge zu beurteilen ist. Eine Fledermaus frisst jede Nacht eine Insekten- menge, die in etwa der Hälfte bis zu einem Drit- tel ihres Körpergewichts entspricht. Zum Nah- rungsspektrum gehören beispielsweise Fliegen (Diptera) verschiedener Familien der Brachy- cera (die hier nicht alle aufgezählt werden kön- nen) und Mücken, Nematocera, wie Schnaken (Tipulidae) oder Zuckmücken (Chironomidae) sowie Schmetterlinge (Lepidoptera), Käfer (Co- leoptera), aber auch Spinnen (Arachnida) und Hundertfüßler (Chilopoda). Eine verhältnismäßig häufige und hinsichtlich ihres Nahrungsspek- trums gut untersuchte Fledermausart ist das Große Mausohr ( Myotis myotis ). Die Art besitzt ein sehr breites Nahrungsspektrum und wird in dieser Hinsicht als Generalist bezeichnet ( K ulzer 2003: 375 nach A rlettaz 1994, 1996 und G üttin - ger 1996). Ihr täglicher individueller Nahrungs- bedarf liegt nach G ebhard & H irschi (1985) bei 10-15 g. Nach K ulzer (2003: 360) betrug der Sommer- bestand dieser in Baden-Württemberg in fast allen Landesteilen verbreiteten Art 20.384 Tiere in dem südwestdeutschen Flächenland. Gemäß dem von K ulzer (2003: 377) veröffentlichten „Ter- minplan für Wochenstuben“ reicht die Aktivität der Großen Mausohren im Jahresgang von der 2. Märzdekade bis Ende November, also ca. 265 Tage. Multipliziert man den mittleren individu- ellen Nahrungsbedarf (12,5 g) mit dem Sommer- bestand der Art und ihrer Aktivitätszeit, so erhält man für Baden-Württemberg einen saisonalen Bedarf der zumeist aus Insekten bestehenden Nahrung von rund 67,5 t für ein Jahr. Nach K ulzer & H äussler (2003: 319) gibt es 24 heimische Arten der Fledertiere im Südwesten Deutschlands, davon fünf Arten nur noch als Einzeltiere. Somit ist, um den Nahrungsbedarf der Fledertiere insgesamt abzuschätzen, ein minimaler Multiplikationsfaktor im Bereich von 15 wohl realistisch. Dies ergibt einen jährlichen Nahrungsbedarf von ca. 1.000 t für Baden-Würt temberg. Ohne die höhere Artenzahl für Deutsch- land anzusetzen, kann man unter der Berücksich- tigung, dass Baden-Württemberg ca. ein Zehntel der Landesfläche Deutschlands ausmacht, auf einen hochgerechneten Nahrungsbedarf von ca. 10.000 t Insekten pro Jahr für Deutschland schließen. Hierbei handelt es sich freilich nur um einen sehr groben Näherungswert. Da Fledertiere aber nur einen winzigen Teil des Nahrungsnetzes insgesamt ausmachen, wird auch mit diesem Beispiel deutlich, dass die jährlich von T rieb et al. (2018) angenommenen 1.200 t Verlust durch WEA für Deutschland irrele- vant für das derzeitige Insektensterben sind, weil diese Menge in der Größenordnung von rund 10 % des wahrscheinlichen Nahrungsbedarfs allein der Fledertiere sogar noch im Bereich der anzunehmenden Ungenauigkeit des Schätz- wertes von ca. 10.000 t liegt. Ein Ergebnis der vorliegenden Untersuchung ist daher, dass WEA nicht maßgeblich für das Insektensterben verant- wortlich sind. Die Ursachen des Rückgangs der Insekten sind vielmehr in der industriellen Land- nutzung zu suchen, eine Zusammenfassung gibt z. B. T rusch (2019). 5 Ausblick Nach dieser ersten Studie zur Anlockwirkung von WEA auf nachtaktive Insekten bleiben Fra- gen offen, deren Bearbeitung durch weiterfüh- rende Untersuchungen erwünscht ist. Zukünftig sollten vergleichbare Erhebungen simultan an mehreren Standorten und unter verschiedenen Standortbedingungen erfolgen, um die Ergeb- nisse auf eine breitere Datenbasis zu stellen und Vergleiche zu ermöglichen. Damit könnte auch eine Betrachtung von Getriebe- und getriebe- losen WEA erfolgen, die unterschiedliche ther- mische Emissionen aufweisen dürften. So bleibt zu klären, ob eine im nächtlichen Be- trieb der WEA entstehende Wärmefahne eine Anlockwirkung auf nachtaktive Insekten hat, auch wenn dies aus unserer Sicht eher unwahr- scheinlich erscheint, oder ob sie aufgrund der
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