Pilze

Der Laie verbindet Pilze gerne mit Speisepilzen, so z. B. den Kulturchampignon auf der „Pizza Fungi“. Bekannt sind auch die Bierhefe und der Blauschimmel im Käse und damit eher unscheinbare Pilze, die wir (industriell) zur Herstellung oder Veredelung von Lebens- und Genussmitteln nutzen. In die Gruppe der nützlichen Schimmelpilze fallen außerdem wichtige Antibiotikaproduzenten. Andere Pilze fürchten wir, etwa den tödlich giftigen Grünen Knollenblätterpilz, Schimmelpilze an feuchten Wänden und in Lebensmitteln oder den Hausschwamm im Kellergewölbe. Ansonsten werden Pilze oft nicht wahrgenommen – im Gegensatz zu Pflanzen und Tieren.

Umso erstaunlicher ist es, dass die so genannten Echten Pilze, zu denen die allermeisten Pilzarten gehören, ein eigenes Reich (Regnum Fungi) von großer Vielfalt bilden. Mit geschätzten 1,5 Millionen Arten übertreffen sie die Gefäßpflanzen um das Fünf- bis Sechsfache. In diesem Zusammenhang sei angemerkt, dass die Pilze, was viele nicht wissen, mitnichten zu den Pflanzen (Regnum Plantae) gehören, sondern die Schwestergruppe der Tiere (Regnum Animalia) bilden. Auch sind sie potentiell unsterblich und bilden die größten Individuen. − So breitet der in der populären Presse häufig als „größter Organismus“ klassifizierte Hallimasch sein Pilzgeflecht über mehrere km2 aus. Die Unscheinbarkeit der Pilze erklärt sich damit, dass sie sich dem Menschen meist nur anhand ihrer unregelmäßig und kurzzeitig gebildeten Fruchtkörper zeigen. Die in ihrer Gesamtheit als Myzel bezeichneten Pilzfäden (Hyphen) im Substrat (Boden, Holz, Streu, Horn, lebendes Gewebe von Wirtsorganismen), stellen die meist unsichtbare Hauptmasse des Organismus dar. Die Hyphen scheiden Enzyme in das Substrat aus, nehmen dann die zerkleinerten Teile durch Endocytose auf und gewinnen so die Energie für Wachstum und Fortpflanzung. Durch diese äußere Verdauung unterscheiden sie sich von den meisten Tieren (innere Verdauung oder Ingestion) und den autotrophen Pflanzen. Bei Pilzen sind drei Grundtypen der Ernährung bekannt: Als Saprobionten zersetzen sie totes organisches Material und mineralisieren es. Ohne Saprobionten wäre ein Leben auf dem Planeten nicht möglich, da die anderen Organismen im „organischen Müll“ ersticken würden. Als Symbionten (Mykorrhiza- und Flechtenpilze) versorgen sie Pflanzen mit Wasser und Mineralstoffen und fördern deren Wachstum. Schließlich gibt es unter den Pilzen auch reichlich Parasiten von Pflanzen und Tieren.

Deren Bedeutung u. a. als Regulator und Evolutionsmotor ist immens. Der Mensch sieht das nicht immer aus dieser Perspektive, zumal viele Parasiten auch bedeutende Kulturpflanzenschädlinge sind, die Ernteerträge mindern und Zierpflanzen „verunstalten“.  Forschungsschwerpunkt der Mykologie am Naturkundemuseum in Karlsruhe ist die letztere Gruppe von Pilzen, genauer: Obligat-pflanzenparasitische Kleinpilze wie Rostpilze (Pucciniales) und Echte Mehltaupilze (Erysiphales). Sie sind klein, sehr wirtsspezifisch und haben häufig sehr komplizierte Entwicklungszyklen. Sie sind Gegenstand taxonomischer, ökologischer und floristischer Untersuchungen und zahlreicher wissenschaftlicher Projekte.

 

Parasit: Der Echte Mehltau Erysiphe flexuosa befällt Roßkastanien
Parasit: Der Echte Mehltau Erysiphe flexuosa befällt Roßkastanien
Parasit: Der Rostpilz Melampsora rostrupii auf Silber-Pappel
Parasit: Der Rostpilz Melampsora rostrupii auf Silber-Pappel
Mykorrhiza-Symbiont: Netzstieliger Hexenröhrling (Boletus luridus)
Saprobiont: Pinselschimmel Penicillium digitatum auf Zitronen
Mykorrhiza-Symbiont: Sommertrüffeln (Tuber aestivum) wachsen unterirdisch
Saprobiont: Der Hallimasch (Armillariella mellea) auf einem Birken-Stumpf
Saprobiont: Der Hallimasch (Armillariella mellea) auf einem Birken-Stumpf
Mykorrhiza-Symbiont: Sommertrüffeln (Tuber aestivum) wachsen unterirdisch
Saprobiont: Pinselschimmel Penicillium digitatum auf Zitronen
Mykorrhiza-Symbiont: Netzstieliger Hexenröhrling (Boletus luridus)