Wirbeltiere (Vertebrata)

Die Luftangriffe des Zweiten Weltkriegs beendeten die erfolgreiche Ära der zoologischen Sammlungen jäh. Die zoologische Schausammlung mit zahlreichen Großtierpräparaten und Vertretern aller biologischen Gruppen wurde wie die wertvolle Vogelbalgsammlung völlig zerstört. Nur Teile der Schädelsammlung mit unwiederbringlichen Belegen aus aller Welt sowie die wertvolle Molluskensammlung konnten gerettet werden. Unmittelbar nach dem Krieg, nachdem die Reste der ehemaligen Sammlungsbestände aus den Trümmern des Gebäudes geborgen waren, begann man zunächst mit dem Aufbau einer heimatkundlichen Sammlung, auf die die heute noch gezeigte Dauerausstellung „Einheimische Tiere“ zurückgeht. So formulierte der damalige Direktor Prof. Dr. Oberdorfer die neuen Ziele des Museums: „Charakteristisches aus allen Erdteilen zusammenzu­stellen, und das auf einem zeitgemäßen Niveau.“

Gleichzeitig zielte die Sammeltätigkeit der Karlsruher Zoologen, besonders von Helmut Knipper (1914–1974) auf seinen Ostafrikareisen, vor allem auf den Neuaufbau der Schausammlung, so sind zum Beispiel die Tiere des „Afrikasaals“ ein Teil der Ausbeute.

Einzigartig ist eine ca. 8.000 Exemplare umfassende Sammlung von Schädeln afrikanischer Säugetiere, die der Heidelberger Arzt und Anthropologe Dr. Hans Himmelheber (1908 – 2003) in Liberia zusammengetragen hat - aus Resten in den Kochtöpfen der einheimischen Bevölkerung. In einigen Gebieten Westafrikas ist eine umfangreiche Haustierhaltung nicht üblich, der Fleischbedarf der Bevölkerung wird durch berufsmäßige Jäger im Regenwald erbeutet. Himmelheber gelang es, die Schädel der für Nahrungszwecke erlegten Tiere zu sichern, zu konservieren und in Deutschland naturkundlichen Sammlungen zuzuführen. Nach einer mühevollen Reinigung der meist luftgetrockneten Köpfe konnten sie dann endlich wissenschaftlich bearbeitet werden. Das Artenspektrum der Jagdbeute reicht von Schimpansen über Meerkatzen, Schleichkatzen bis hin zu kleinen Nagern, alles in beindruckenden Serien von mehreren hunderten Exemplaren pro Art, und das von teilweise äußerst seltenen Arten. So dürfte die Serie von Schädel des Grünen Guereza (Procolobus verus) in gleicher Qualität in keinem anderen Museum zu finden sein. Die Größe der Sammlung erlaubt heute umfangreiche vergleichend anatomische Studien an den in Museen sonst so seltenen Affenspezies. Populationsökologische Studien sind möglich bis hin zu aktuellen soziökonomischen Studien: Welche Fleischmenge, heute auch als Bushmeat bezeichnet, hat den Dan, einer Volksgruppe in Liberia, in der Zeit um 1950 noch zur Verfügung gestanden und wie sieht die Ernährungssituation für die Bevölkerung dort heute aus oder wie hat sich der Jagddruck bis heute auf die dort lebende Tiergemeinschaft ausgewirkt? Welche Arten leben heute noch in den Wäldern Westafrikas ?

Der Schwerpunkt der Wirbeltiersammlung liegt heute bei den bodenlebenden Kleinsäugern und Fledermäusen der Region. Sie stammen überwiegend aus dem Artenschutzprogramm des Landes Baden-Württemberg "Wildlebende Säugetiere in Baden-Württemberg" und der Arbeit der Koordinationsstelle für Fledermausschutz in Nordbaden am SMNK“, beide unter der Projektleitung von Monika Braun.

Grundlage der Sammlung einheimischer Kleinsäuger sind die von der Bevölkerung eingesandten oder am Museum abgegebenen tot aufgefundenen Tiere, häufig  die Beute von Hauskatzen, sowie Belege aus Projekten anderer Institute. Gemeinsam mit der Wildforschungsstelle des Landes und dem Naturkundemuseum Stuttgart werden so landesweit Daten zu den 78 heimischen Säugetierarten erhoben und wissenschaftlich ausgewertet.

Dazu wurden u.a. Kleinsäuger mit Lebendfallen gefangen, Fledermausvorkommen erfasst, Jagdstatistiken, Literatur, Sammlungen, Beobachtungen, Gewölle und Totfunde ausgewertet. Projekte zur Erforschung der Biologie einzelner Arten wurden initiiert. Durch eine breite Öffentlichkeitsarbeit und die Mithilfe zahlreicher Ehrenamtlicher konnte eine große Fülle an Daten zu Vorkommen, Biologie und Ökologie, Gefährdungsursachen und Schutzmöglichkeiten gesammelt werden. Die zusammengefassten Ergebnisse sind in zwei Bänden der Reihe der Grundlagenwerke zum Artenschutz Baden-Württemberg publiziert.

Die Sammlung einheimischer Fledermäuse umfasst zur Zeit 22 der 24 in Baden-Württemberg bisher nachgewiesenen Fledermausarten mit rund 7.100 Tieren. Entsprechend der Sammelmethode besteht der Hauptteil des Materials aus Mumien, die bei den jährlichen Quartierkontrollen in Gebäuden gesammelt werden. Daneben umfasst die Sammlung auch zahlreiche Zufallsfunde aus verschiedenen Naturräumen Nordbadens, darunter auch selten nachgewiesene Arten wie Mops- und Nordfledermaus. Das Material wird konservatorisch aufbereitet, die Tiere der Art nach bestimmt und die Belege katalogisiert. Aufgrund der guten Aufarbeitung konnte das Material bereits für mehrere wissenschaftliche Studien herangezogen werden und diente auch als faunistische Grundlage für das Grundlagenwerk „Die Säugetiere Baden-Württembergs“. Diese Sammlung wird von Monika Braun und Dr. Ursel Häußler betreut.

zuständiger Kurator

Dr. Albrecht Manegold, Dipl.-Biol.

Dr. Albrecht Manegold, Dipl.-Biol.
Telefon: +49 721 175-2817
E-Mail: albrecht.manegold@smnk.de

Präpariertes Eichhörnchen
Eichhörnchen
Schädel afrikanischer Primaten
Schädel afrikanischer Primaten
Totfund einer Wühlmaus
Totfund einer Wühlmaus
Kleinsäugersammlung
Kleinsäugersammlung
Blick in die Sammlung am Tag der offenen Tür
Blick in die Sammlung am Tag der offenen Tür
Auch Kotproben werden gesammelt
Auch Kotproben werden gesammelt
Zwergfledermaus
Zwergfledermaus